siing.45 Wer sich dem Vorwurf des Neutralismus, später Autonomismus aussetzt,
spielt „mit dem Feuer“.46 Lehrern, deren Schüler nicht schnell genug
Französisch lernen, droht die Versetzung ins Innere.47 Aufpasser überwachen
die Umschulung der Lehrer - wie etwa Weckmann anschaulich schildert48 -
ohne jegliches Interesse an der Sprechweise der Inspizierten. Hinzu kommt das
soziale Stigma, als Franzosen zweiter Ordnung angesehen zu werden oder durch
die verpönte deutsche Sprache in die Anti-Boche-Polemik zu geraten49 - genug
der Beeinflussungsmittel, um Wirkung zu erzielen.
Der erneute politisch-militärische Umschwung bringt 1940 eine erneute Eskalation
der Verhältnisse: Mit der faktischen Annexion von Elsaß und Lothringen
einher geht der Versuch einer Ausmerzung des Französischen, über die Autoren
wie Adrien Finck, André Weckmann, Roger Bichelberger, Adolphe Thil und
viele andere berichten.50 Französische Orts- und Personennamen müssen eingedeutscht
werden. Sprüche auf Plakaten lauten z.B.: „Hinaus mit dem welschen
Plunder“. Ausweisungen, das „Sicherheitslager“ Schirmeck oder das KZ Struthof
verleihen solchen Forderungen Nachdruck.
„Kein französisches Wort durfte mehr gesprochen werden, nicht einmal
das längst zu ,buschur‘ verelsässerte ,bonjour1. Zunge und Arm wurden
zum deutschen Gruß4 gezwungen. Man zog am Schnürchen: Heil! Hampelmann!
Kein französisches Buch durfte sich mehr in einem elsässischen
Haus befinden. Alles Französischgeschriebene (meistens Schulbücher)
mußte abgegeben und gesammelt werden, es wurde zur Stelle getragen, wo
die ,Kuskri‘ alljährlich das große Fastnachtsfeuer anzündeten, und dort
wurde gesungen: ,Flamme empor!4 Es war das letzte Fastnachtsfeuer.
,Elsässer, sprecht Eure deutsche Muttersprache!4 verkündeten die neuen
Machthaber. ,Wia d’r Schnawel g’wachsa isch4 verstanden die Leicht:
gläubigen unter uns. So war uns der Schnabel nicht gewachsen.“51
Der Volkswitz als bester Dichter dieser Unglücksjahre macht sich in grimmigen
Anekdoten Luft. So berichtet etwa Eugène Heiser in La tragédie Lorraine von
einem Bäuerlein aus Bitsch, den ein deutscher Offizier befragte:
„,Que faites-vous là?4 Notre brave terrien de répondre en patois: ,Ihr
sinn’s jo, ich mach Grumbiere us4 [...]. ,Das heisst nicht >Grumbiere<,
sondern >Kartoffeln<4 [...]. Le paysan alors se redressa et, malicieuse¬45
Redelsperger: Land, S. 45 f; Grupe-Lörcher: Trikolore, S. 275.
46 Uentze: Trikolore, S. 310.
47 Hart: „Armi Kinder. 1. In d’r Schuele“, in: dies.: Erinnerungsland, S. 167-169; vgl.
Weckmann: Würfel, S. 48.
48 Weckmann: Würfel, S. 47 f.
49 Thil: Toten, S. 75-79.
50 Finck: Der Sprachlose, S. 76-80; Weckmann: Würfel, S. 103 f; Bichelberger: Les
Années, S. 69; Thil: Toten, S. 152 f.
51 Finck: Der Sprachlose, S. 77.
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