zier die Dame des Hauses statt im Besuchs- im Ankleidezimmer überrascht.39
Allerdings hätte dies im ersten Zorn fast die Entlassung der Perle zur Folge gehabt;
nur das Versprechen, sofort einen Abendkurs in Französisch zu belegen,
verhindert dies. Weniger humoristisch lesen sich andere Alltagsszenen: Marie
Hart berichtet von Soldaten, die wie früher ihre deutschen Lieder sangen und
dafür von französischen Offizieren mit der Peitsche traktiert wurden.40
In solchen Reaktionen verbarg sich eine weitgehende Ignoranz der französischen
Öffentlichkeit über die tatsächlichen sprachlichen Gegebenheiten im Elsaß,
die von Schickele und anderen sarkastisch glossiert wurde.41 Zur Bewahrung
des ideologischen Seelenheils diente schließlich die obskure Keltentheorie,
wonach man hier linguistisch auf einen Urstamm gestoßen sei, „dessen Dialekt
mit der Sprache der angrenzenden Schweizer, Badener und Pfälzer nichts gemein
habe“. Und da stets, wenn die Politik ihre Ungeheuerlichkeiten gebiert,
auch beflissene Wissenschaftslakaien zu Stelle sind, erhielt diese typische nationalistische
Irrlehre sogar akademische Weihen:
„Deutsch, sagten die Franzosen, seien im Land nur einige, meist abscheuliche
Denkmäler, die Verwaltungsmethoden auf verschiedenen Gebieten des
öffentlichen Lebens und die W.C. in den Kasernen. Sie wurden abgebrochen.
Alles andre, was fremd schien, war keltisch.
Ob man es nun glaubt oder nicht, die wissenschaftliche These vom Elsässischen
als einer keltischen Sprache wurde aufgestellt, geglaubt, bewiesen.
Sie fand Verbreitung sowohl in Frankreich als in Übersee, und sicher zählt
sie bei den geistigen Köpfen von Perpignan, vielleicht auch bei etlichen
Posthaltem in Kanada, die ihrem ehemaligen Mutterland anhängen, heute
noch zu den Wahrheiten der Sprachwissenschaft.“42
Die Texte wissen auch von einzelnem Widerstand in der Bevölkerung oder
zumindest von dumpfer Aufsässigkeit. Eduard Redelsperger schildert einen
Winzer, der aus Ärger über verschlechterte Absatzchancen sein Neugeborenes
„Wilhelminele“ taufen will, was der Standesbeamte natürlich untersagt. Denn
jetzt heißt man konjunkturgemäß z.B. „Napoléon“.43 Andere Autoren betonen
das Festhalten der Bevölkerung am Elsässerditsch oder die bewußte Reaktivierung
von Deutsch.44 Immerhin sind solche Renitenzen nicht ohne Risiko, vor
allem in der ersten Zeit. Ein Disput über den „Boche“-Dialekt im Restaurant,
an dem ein französischer Offizier Anstoß genommen hatte, führt zur Auswei-39
Uentze: Trikolore, S. 198, 129-131.
40 Hart: Franzosezit, S. 122.
41 Schickele: Vogesen, S. 194—196; vgl. Daudet: Tartarin, S. 13f.
42 Schickele: Vogesen, S. 195.
43 Redelsperger: Land, S. 42 f.
44 Woldstedt-Lauth: „... fer d’Elsässer“, S. 552-554; dies.: „...vun hittzetaas“, S. 499 f;
Grupe-Lorcher: Trikolore, S. 295, 299; Dill: Saar, S. 158.
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