Aber, die es von ihm verlangten, waren kleine, jakobinische Pfaffen, von
ihrem Parteivatikane hergeschickt, seinen Landsleuten das patriotisch verbrämte
Kirchenlatein der kapitalistischen Gesellschaft beizubringen.
Diese merkwürdigen Pioniere der grossen Revolution wollten nicht begreifen,
staunte Désiré immer von neuem, dass die Elsässer in der Marseillaise
nicht das Idiom, sondern den Geist bejubelt hatten.
Aber eben, schloss er melancholisch seine improvisierte Betrachtung ab,
was das neue Testament in den Händen der Inquisition, das waren Freiheit
und Menschenrechte in den Händen der bürgerlichen Machthaber geworden.
Er warf das Vokabelheft knallend auf den Tisch.“31
Andere Autorentexte führen uns in Amtsstuben, wo in höchster, durch Strebertum
stimulierter Eile Verordnungen übersetzt werden32 und jeder Vorgang
durch Sprachschwierigkeiten nun die vielfache Zeit in Anspruch nimmt.33 Vor
Gericht herrscht zuweilen heillose Sprachenverwirrung, da die elsässischen
Richter meist nur Schulfranzösisch können, die Prozeßparteien oder Zeugen
häufig gar nicht und die neu ernannten französischen Richter kein Deutsch. Der
Dolmetscher regiert Justitia, und der Verdacht liegt nahe, daß obsiegt, wer die
besten Französischkenntnisse besitzt.34
Das auf deutscher Basis organisierte Kulturleben stagniert zunächst; die Zeitungen
versehen ihren Text mit Vokabellektionen.35 Die Bewohner einer ganzen
Region werden, sofern es ihnen nicht schnellstens gelingt, sich zu assimilieren,
gegenüber Binnenfranzosen zu Gesprächsteilnehmem zweiter Klasse, zu verstockten
Hinterwäldlern, da ihre Sprache nun jeglichen Kurswert verloren
hat.36 Mancher Pfarrer weigert sich, die Beichte in Deutsch abzunehmen, wie
Egen in einem brillanten Stück Realsatire schildert.37 Wo sich die Kirche auf
französische Predigten beschränkt, verliert sie an Einfluß; eine Romanfigur in
André Weckmanns Odile erinnert sich an gelangweilte Kinder in den Kirchenbänken
und resümiert: „[...] mit dem Dialekt haben sie auch die Religion abgestreift.“38
Zu den eher kuriosen Schilderungen dieser Umbruchszeit zählen Wörterbuchstudien
beim Verfassen von Liebesbriefen oder das aus sprachlicher Unkenntnis
bedingte Mißgeschick eines Dienstmädchens, wodurch ein französischer Offi¬31
Claden: Dannacker, S. 75-77; vgl. Uentze: Trikolore, S. 220.
32 Merckling: Grenzland, S. 118 f.
33 Uentze: Trikolore, S. 219.
34 Ebd.: S. 219 f.
35 Ebd.: S. 221; vgl. Grupe-Lörcher: Burschen, S. 178.
36 Egen: Linden, S. 97 f.
37 Ebd.: S. 106-109.
38 Weckmann: Odile, S. 162; vgl. Uentze: Trikolore, S. 221.
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