Im Unterricht verstehen sich zunächst Schüler und Lehrer nicht, was zuweilen
auch den Schabernack fördert.27 Dabei wird anfangs zugunsten der schnellen
Französierung sogar eine schlechtere Fachausbildung in Kauf genommen;
manch tüchtiger Kerl scheitert denn auch an Sprachschwierigkeiten.28 Es
herrscht, von Schickele und anderen moniert, der brutale Grundsatz, eine bis
zwei Generationen einer nationalistischen Gesinnungspolitik zu opfem.2^ Und
eine Replik auf solches Ansinnen in einem 1925 erschienenen Roman von Herta
Uentze bringt den Konflikt auf den Punkt:
,„Opfer, immer wieder Opfer! Ja, warum sind wir denn dann französisch
geworden?!4 rief Herr Schäffer aus.
,Nun doch wohl, um die Freude zu genießen, französisch sein zu dürfen1,
sagte Monsieur Müller mit Nachdruck.
,Ich dachte, um es besser zu bekommen1, entgegnete der andere
trocken.“30
Die Universität vervielfacht solche Probleme, wie Morand Cladens Désiré
Dannacker (1930) veranschaulicht:
»„Fünfzig Worte im Tag1, hatte der Professor gesagt, und die Feder, mit
der er die Aufsätze verbessert hatte, in den Fingerspitzen gedreht wie einen
Schlüssel zu einem fernen, aber lohnenden Himmelreich. Er verhehlte es
seinen Schülern nicht, den etwas klobigen, alemannischen Kerlen, wie
verwöhnt die französische Sprache, die feine, raffinierte Dame, war, die
sie zu umwerben hatten.
Es gab Kommilitonen, die es täglich auf 300 Worte brachten. Rekordleistungen!
Allein daran zu denken, wirkte schweisstreibend auf Désiré.
Aber was sollte er tun als Philologe [...]?
Er griff zum Vokabelheft und begann lernend und murmelnd im Zimmer
zu kreisen.
22 Jahre war er alt geworden, räsonierte er. 22 Jahre hatte er für die Katz
gelebt.
Denn die deutsche Sprache, das Instrument, die Orgel seiner Seele, pfiff
kläglich aus dem letzten Loch.
Aber in ihr hatten Eltern, der Gott der Kirche, Kameraden, Freunde,
Landschaft zu ihm gesprochen. Sie war ihm beigesprungen, wenn er, von
irgend einer Schönheit der Welt ergriffen, nach Worten rang.
Und diese Sprache, die seiner Seele sass wie ein nach Mass gearbeitetes
Feiertagskleid, sollte er nun von sich werfen wie ein beschmutztes Hemd.
Wenn es noch Montaignes, Molières, Hugos gewesen wären, die es von
ihm verlangten. Kurz, vernünftige Kerle, mit denen sich hätte reden lassen.
27 Hart: Franzosezit, S. 127-129.
28 Redelsperger: Land, S. 70; Merckling: Grenzland, S. 133; Uentze: Trikolore, S. 199,
220.
2y Schickele: Vogesen, S. 196; vgl. Uentze: Trikolore, S. 220.
30 Uentze: Trikolore, S. 222.
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