Diese Stunden waren ein Gaudium für die Schüler. Wenn Geisel eine
Übersetzung erklärte, bildete dies für die kleinen Metzer, welche sehr gut
französisch und sehr schlecht deutsch konnten, einen riesigen Spaß, an
dem sich noch nach der Schule die Eltern erfreuten. [...]
Man lachte,... aber hinterher dachte man nach. Die Deutschen erschwerten
systematisch den Unterricht im Französischen. Man mußte kämpfen, daß
den Kindern die Landessprache gelehrt wurde.“ 7
Mit solchen Schilderungen sind wir bereits mitten in der Thematisierung eines
Widerstands gegen die preußische Sprachenpolitik. Von demonstrativer
Frankophilie in der Schule erzählte etwa Rose Woldstedt-Lauth.8 Liesbet Dill
beobachtete einen Meinungsumschwung selbst bei Grabinschriften: „nach Siebzig
war’s modern, französisch zu schreiben.“9 Bazins Held spricht mit einem
hohen Vertreter der Regierung demonstrativ nur französisch.10 Wer aus dem
frankophilen Bürgertum es sich leisten kann, schickt seine Kinder ins Internat
nach Frankreich - wie in Jean Egens Die Linden von Lautenbach zu lesen11 -
oder hält sich Privatlehrer, wie von Cahu und Forest geschildert, deren
zusätzlicher Lehrauftrag in der patriotischen Umerziehung bestand. Aus einer
Grammatikstunde, heißt es:
„[...] wurde zugleich eine Unterweisung in der Vaterlandsliebe. Wenn man
Leo in die Geheimnisse der französischen Partizipien einweihte, impfte
man ihm zugleich den Widerwillen gegen alles Deutsche und die Liebe für
alles Französische ein. In der Grammatik erinnerte jedes Beispiel an Napoleonische
Ruhmesthaten oder an schmachbedeckte Seiten der deutschen
Geschichte. Als Erzählungen wählte man z.B.: ,Die Schlacht bei Jena‘,
oder: »Welche Gefühle sollen die Wörter erwecken: Das französische Vaterland?*“12
Darüber hinaus vermitteln Autorentexte anschaulich den „protestlerischen“ Affekt
Jugendlicher gegen die „Pickelhauben“ und „Pumpemickelfresser“, der
sich auch in militanten Frontstellungen innerhalb der Klassen äußerte. 13 Auch
Adrienne Thomas, Polly Maria Höfler und andere berichten von mehr oder
weniger hermetischen schulischen Cliquenbildungen, die nicht zuletzt ihren Ursprung
in Sprachgemeinschaften hatten.14 Von Emil Felden wissen wir, daß
Straßburger Kommilitonen „zum Gaudium der elsässischen und zum Ärger der
altdeutschen Studentenschaft“ sich als perfekte Pariser gerierten. „Sie, die un¬'
Cahu/Forest: Vergessen, S. Ulf.
8 Woldstedt-Lauth: D’Schöenmattmüehl, S. 84—87.
9 Dill: Grenzpfahl, S. 158.
10 Bazin: Oberle, S. 227 f.
11 Egen: Linden, S. 70 f.
12 Cahu/Forest: Vergessen, S. 112.
13 Ebd.: S.l 13.
14 Thomas: Die Katrin, S. 21 f; Höfler: Weg, S. 29 f, 109—112; vgl. Lecomte: Pleine Lune,
S. 45.
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