Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

nähme,  durch  die  man  einen  Elsässer  zwang,  sein  Ladenschild  „Coiffeur“  durch
„Friseur“  zu  ersetzen.  Das  sei  deutsch,  verlautbarte  die  Verwaltung  unter  homerischem
  Gelächter  der  Einheimischen.3  Germanisierungszwecken  diente  auch
der  Deutsche  Sprachverein,  dessen  Anti-Fremdwort-Bemühungen  als  Beitrag
zur  Assimilation  der  neuen  Provinzen  z.B.  von  Peter  Stühlen  ironisch  aufs
Korn  genommen  wurden.4  Von  Generationen  währenden  sprachlichen  Umerziehungsversuchen
  schon  seit  der  Französischen  Revolution  wußte  Emst  Moritz
Mungenast  aus  Lothringen  zu  berichten.  Die  deutschen  Bemühungen  seit  dem
Siebziger  Krieg  fügten  sich  ihm  zufolge  nahtlos  in  eine  längere  unselige  Tradition:


„Das  Land  war  ein  Zweisprachengebiet  und  hielt,  je  mehr  man  es  bedrängte,
  um  so  entschlossener  am  Alten  fest.  Es  blieb  eine  verwunderliche
Tatsache,  daß  sich  die  Staatsmänner  aller  Jahrhunderte  mit  Eifer  an  die  Sisyphusarbeit
  machten  und  nie  bemerkten,  wie  sie  das  Land  quälten  und
drangsalierten.“5
Als  Anschlag  auf  die  französische  Seele  wiederum  wertete  Maurice  Barrés  die
Festsetzung  von  Deutsch  als  Verwaltungs-  und  Unterrichtssprache:
„Contre  cette  fidélité  à  l’idéal,  le  grand  moyen  de  l’Empire  c’est  de
transformer  la  cérébralité  et  d’imposer  aux  jeunes  êtres  ce  qui  contient
toute  civilisation  et  toute  sensibilité:  une  langue  nouvelle,  l’allemande.  En
les  forçant  à  déserter  la  syntaxe,  le  vocabulaire,  ils  espèrent  les  contraindre
à  renier  leurs  idées:  leur  âme  propre.“6
Vor  allem  die  Schule  fürchteten  frankophile  Elsässer  und  Lothringer  als  Ort  der
Indoktrination  und  rächten  sich  zuweilen  mit  Karikaturen  über  Lehrer  aus  dem
Altreich,  deren  französische  Sprachdefizite  dabei  geradezu  als  Politikum  betrachtet
  wurden.  Im  1899  erschienenen  Roman  L’oubli?  von  Théodore  Cahu
und  Louis  Forest  erscheint  ein  Doktor  Geisel,  von  dem  die  „bösen  Zungen  der
Stadt“  kolportierten,  „er  wäre  am  Gymnasium  einzig  und  allein  angestellt  worden,
  um  bei  den  kleinen  Lothringern  jeden  gesunden  und  klaren  Begriff  des
heimatlichen  Idioms  zu  verwischen“:
„Der  dicke  Geisel,  ein  hitziger  Alkoholiker,  schrieb  Fehler  vor  und  lehrte
mit  Eifer  Sachen,  die  gegen  die  grammatischen  Regeln  verstießen  und  allerhand
  Sprachwidrigkeiten  enthielten.  Er  sagte  ,1e  fenêtre,  la  soleil,  le
lune*.  Nichts  vermochte  ihn  aufzuhalten,  weder  das  heimliche  Lachen,
noch  die  Beteuerungen  der  Knaben,  welche  seit  ihrer  Kindheit  die  richtige
Aussprache  gewohnt  waren.

3  Felden:  Sünde,  S.  126.
4  Stühlen:  Eltern,  S.  361.
5  Mungenast:  Muzot,  S.  59;  vgl.  S.  249.
6  Barrés:  L’appel,  S.  316f.

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