Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Im  Grunde  freilich  war  Bismarck  das  Nationalitätsprinzip  unwichtig;  die  von
uns  untersuchte  Diskussion,  den  linguistischen4  und  den  ,historischen‘  Diskurs
hielt  er  für  „Professorenideen“.  Ihn  schreckten  die  Probleme  der  Integration;
ihn  überzeugten  für  die  Annexion  die  Argumente  der  Sicherung  Süddeutschlands,
  was  die  süddeutschen  Staaten  zu  einer  Grundbedingung  für  die  Reichseinigung
  machten,  und  die  militärstrategischen  Gründe  des  Generalstabschefs
von  Moltke  für  die  Schaffung  einer  Zwischenzone  vor  dem  erwarteten  Revanchekrieg.155
  Die  Diskussion  um  die  Nationalität  der  Elsässer  und  Lothringer
war  für  ihn  nur  so  weit  wegweisend,  als  sie  den  Konsens  einer  Öffentlichkeit
hervorbrachte,  die  auch  er,  auch  wenn  er  sich  ihrer  bediente,  nicht  völlig  zu
steuern  vermochte.  Insofern  war  der  ,linguistische  Diskurs4  wirksam.156
4. Ausblicke
Nur  in  zwei  Sätzen  sei  die  weitere  Entwicklung  gestreift:
-  Nach  der  Etablierung  des  „Reichslandes“  schlug  die  Stunde  der  Archivare
von  Metz,  Straßburg  und  Colmar:  vor  allem  sie,  etwa  Hans  Witte157  und

in  Wien  bezeugt,  am  liebsten  auf  das  französische  Sprachgebiet  um  Metz  verzichtet.  Vgl.
Küntzel  (Anm.  60),  S.  303.
155  Jacob  (Anm.  34),  S.  66ff.  88;  May  (Anm.  1),  S.  80f.;  Haller  (Anm.  1),  S.  179ff.;
Platzhoff  (Anm.  36),  S.  260ff;  Hachenberger  (Anm.  1),  S.  14ff.
156  Vgl.  Lévy  (Anm.  1),  Bd.  2,  S.  306:  „...  la  situation  linguistique  ...  Sans  vouloir  prétendre
qu’elle  soit  la  seule  cause  ou  même  la  cause  déterminante,  de  la  guerre,  elle  est  sans
contredit,  un  des  principaux  impondérables  qui  ont  rendu  la  conquête  plausible  pour  le
peuple  allemand.  Préparée  par  une  propagande  méthodique  de  plusieurs  dizaines
d’années,  à  laquelle  participèrent  les  meilleurs  de  ses  savants,  des  hommes  d’une
réputation  mondiale  et  d’un  prestige  scientifique  universellement  réconnu,  l’identification
de  la  langue  et  de  la  nationalité  put  paraître  un  axiome  inattaquable  à  de  larges  couches  du
peuple  allemand  ..."  Bismarck  hat  ganz  deutlich  den  übermächtigen  Druck  der  öffentlichen
Meinung  in  der  Elsaß-Lothringen-Frage  gespürt  und  ihn  berücksichtigt.  Vgl.  Platzhoff
(Anm.  36),  S.  260f.;  Blesch  (Anm.  125),  S.  30f.
157  Witte,  Hans:  „Zur  Geschichte  des  Deutschtums  in  Lothringen.  Die  Ausdehnung  des
deutschen  Sprachgebietes  im  Metzer  Bistume  im  ausgehenden  Mittelalter  bis  zum
Beginne  des  17.  Jahrhunderts  (mit  Karte)“,  in:  Jahrbuch  der  Gesellschaft  für  Lothringische
  Geschichte  und  Altertumskunde  2  (1890),  S.  231-299;  Ders.:  Deutsche  und
Keltoromanen  in  Lothringen  nach  der  Völkerwanderung.  Die  Entstehung  des  deutschen
Sprachgebiets,  Straßburg  1891  (Beiträge  zur  Landes-  und  Volkskunde  von  Eisass-Lothringen
  15);  Ders.:  „Das  deutsche  Sprachgebiet  Lothringens  und  seine  Wandelungen
von  der  Feststellung  der  Sprachgrenze  bis  zum  Ausgang  des  16.  Jahrhunderts“,  in:
Forschungen  zur  Deutschen  Landes-  und  Volkskunde  8,  Stuttgart  1894,  S.  407-535,
Neudruck:  Walluf  bei  Wiesbaden  1973;  Ders.:  „Zur  Geschichte  des  Deutschtums  im
Elsaß  und  im  Vogesengebiet“,  in:  ebd.  10  (1897),  S.  297-424;  Ders.:  „Neuere  Beiträge

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