Ein Prüfstein für das Nationalitätsprinzip war die politische Forderung auf das
französische Metz. Niemand konnte aus dem Nationalitätenrecht ein gutes Argument
für die Annexion dieser französischsprachigen Stadt und ihres Umlands
finden.* 149 Konsequente Vertreter des Nationalitätsprinzips wie Adolph Wagner150
und der Historiker Hans Delbrück151 haben deshalb auch wie manche
Journalisten heftig abgeraten, so viele Franzosen ins ,Reich4 aufzunehmen.152
Bismarck selbst schwankte lange, ebenso Angehörige des Hohenzollemhauses.153
Noch Adolphe Thiers, Repräsentant der neuen Französischen Republik,
setzte hier an, um eine Verbesserung des Friedensvertrags zu erreichen.154
abgeschlossenes Ganzes schützen! Die Nationalitätenfrage, welche jetzt soviel Staub
aufwirbeln macht und so mancher Orten eine chaotische Zerfahrenheit heraufbeschworen,
zur Entdeckung und künstlichen Wiederbelebung verkümmerter Volkstrümmer geführt
hat, von deren Existenz man noch vor wenigen Jahrzehnten kaum eine Ahnung hatte,
droht nur da [mit] Gefahren, wo es seiner Zeit in dem durcheinander wogenden Völkergewirre
an den rechten Organen staatenbildender Kraft, an einem kernigen Stamme, an
einem Principatvolke gefehlt hat, welches der überall nothwendigen Verschmelzung
verschiedener Völkergeschlechter ein gemeinschaftliches, für sie alle charakteristisches
Gepräge hätte aufdrücken können.“ Vgl. Anm. 75f.
149 Deshalb wurde auf deutscher Seite sehr betont die Legitimation der ,Deutschheit‘ der
Stadt durch die ehemalige Zugehörigkeit zum Reich in den Vordergrund geschoben: so
die Reichsland-Geschichtsschreiber von Metz und Deutsch-Lothringen wie Doering, Graf
v. Westphalen und Derichsweiler (Anm. 121), aber auch schon der Mediävist Dümmler,
Emst: „Ein Blick auf die Geschichte der Stadt Metz“, in: Die Grenzboten. Zeitschrift für
Politik und Literatur 29 (1870), II. Semester, Bd. 2, S. 481-495; ferner aus dem Ausland
Carlyle (Anm. 74), S. 63. Vgl. aber Gooch, George P.: Franco-German Relations 1871-1914.
The Creighton Lecture for 1923, New York 1967, der die Annexion des
französischen Sprachgebiets um Metz als den größten Fehler Bismarcks bezeichnete. Für
die Haltung der Metzer selbst vgl. Prost, Auguste: Le Blocus de Metz en 1870, 4. Aufl.,
Nogent-le-Robru 1898, S. 317-341, mit zwei Mémoires der Stadt, einmal vom 11.2.1871
für die Nationalversammlung in Bordeaux, zum andern vom 13,4.1871 für die
Verhandlungen in Brüssel.
150 A. Wagner stimmte nur unter größten Bedenken der Annexion von Metz zu, und nur weil
er für die „Germanisierung“ der ca. 55.000 französischen Einwohner, also für die
wiederum ,reine* Anwendung des Prinzips gute Chancen sah. Vgl. o. Anm. 89.
151 Delbrück, Hans, in: Preußische Jahrbücher 110 (1902), S. 525 in einem Rückblick, in
dem er auch auf Widerstände bei Bismarck und dem Großherzog von Baden hinwies.
Vgl. Jacob (Anm. 34), S. 47* Anm. 43a.
152 Ygj zur Haltung der ,Kölnischen Zeitung* o. Anm. 134.
153 Delbrück (Anm. 151), S. 525. Hachenberger (Anm. 1), S. 16ff.; Jacob (Anm. 34), S.
69ff. 80. 89. 23* Anm. 14a.
154 Valfrey (Anm. 41), S. 48f.; Hachenberger (Anm. 1), S. 16ff.; May (Anm. 1), S. 92.
Auch Leopold Ranke hätte, wie eine Unterredung mit Adolphe Thiers im November 1870
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