Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

bald  -  auch  das  eine  Illusion  -  ein  „plébiscit  de  tous  les  jours“  sein.143  Sie  besteht
  für  Fustel  de  Coulanges  in  einer  „communauté  d’idées,  d’intérêts,
d’affections,  de  souvenirs  et  d’espérances“.  Also:  „II  se  peut  que  l’Alsace  soit
allemande  par  la  race  et  par  le  langage;  mais  par  la  nationalité  et  le  sentiment  de
la  patrie  elle  est  française“.144  Das  Selbstbestimmungsrecht,  die  freie  Entscheidung
  des  Volkes,  die  die  französischen  Autoren  für  die  annektierten  Gebiete
wünschen,145  wird  freilich  -  mit  Hinweisen  auf  die  französische  Praxis  bei  der
Eingliederung  Nizzas  und  Savoyens  -  von  den  Deutschen  abgelehnt:  nur  die
ganze  Nation,  nicht  das  partikuläre  Element  besitze  das  Recht  auf  Selbstbestimmung.146

Der  linguistische  Diskurs4  ist,  da  in  die  Grenzziehung  eingegangen,  der  folgenreichste
  der  intellektuellen  Diskussion.  Mehr  Raum  nahm  durchaus  der
»historische  Diskurs4  ein,  der  die  Zugehörigkeit  der  eroberten  Territorien  zum
Alten  Reich  erweisen  sollte.  Doch  war  er  nicht  eigentlich  begründend,  denn
sonst  hätte  man  Territorien  bis  hin  an  die  Maas  und  die  Argonnen  fordern
müssen,  wie  das  Franz  von  Löher,  der  Alldeutsche,  für  die  Zukunft  für  denkbar
hält.147  Ähnlich  weit  denkt  -  aber  mit  der  sonst  nur  hilfsweise  auftauchenden,
in  der  französischen  Diskussion  um  den  Rhein  so  bedeutsamen  Forderung
natürlicher  Grenzen4  -  fast  nur  noch  der  Geograph  Gustav  Lenz.148

143  Vgl.  o.  Anm.  51.
144  Fustel  de  Coulanges  (Anm.  38),  S.  96.
145  Am  deutlichsten  bei  Fustel  de  Coulanges  (Anm.  38),  S.  100f.:,Notre  principe  à  nous  est
qu’une  population  ne  peut  être  gouvernée  que  par  les  institutions  qu’elle  accepte
librement,  et  qu’elle  ne  doit  aussi  faire  partie  d’un  État  que  par  sa  volonté  et  son  consentement
  libre.“  Lévy  (Anm.  1),  Bd.  2,  S.  316ff.,  berichtet  von  Reaktionen  deutschsprachiger
  Elsässer  auf  die  Ereignisse  von  1870,  in  denen  sie  die  Zugehörigkeit  zur
französischen  Nation  trotz  ihrer  deutschen  Sprache  betonen.  So  formulierte  F.  Homing,
Vorsitzender  des  Protestantischen  Consistoriums  von  Straßburg:  „Notre  langue  est
allemande,  mais  notre  coeur  est  français“.  Der  Elsässer  Heimweh,  Jean:  La  question
d'Alsace,  Paris  1889,  S.  225ff.,  bemerkt  gegen  die  Prätentionen  deutscher  Wissenschaftler,
  die  Elsässer  seien  Deutsche  „malgré  eux“,  das  seien  „arguties  linguistiques“;
entscheidend  sei  das  Selbstbestimmungsrecht  der  Bevölkerung.  Vgl.  auch  Lavisse,  Emst:
La  question  d’Alsace  dans  une  âme  d’Alsacien,  Paris  2.  Aufl.  1891.
146  So  Julius  Weizsäcker  bei  Anrich  (Anm.  48),  S.  287;  Treitschke  (Anm.  57),  S.  289;
Wagner  (Anm.  39),  S.  61ff.  So  wie  1870  französische  Publizisten  vergeblich  das
Selbstbestimmungsrecht  für  Elsässer  und  Lothringer  forderten,  so  mit  vertauschten  Rollen
1918  deutsche  Publizisten.
147  v.  Löher  (Anm.  10),  S.  3f.:  „Diese  Naturgränze  war  fast  durchgehend  zugleich  unsere  alte
Reichsgränze“.
148  Lenz  (Anm.  75),  S.  26ff.  Er  ist  Gegner  des  Nationalitätsprinzips:  „Als  ob  die
Sprachscheiden  mit  ihrem  flüssigen  Entstehen  und  Vergehen  in  dem  krausen  Durcheinander
  ihrer  Sprach-  und  Dialekt-Inseln  jemals  einen  Ersatz  bilden  könnten  für  feste
Territorialgrenzen,  die  ein  geographisch  und  geschichüich,  wie  volkswirtschaftlich  in  sich

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