Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Staatssprache  zu  verbreiten,  doch  ging  das  Handeln  der  Behörden,  auch  der
Schulbehörden,  in  der  Tat  vor  allem  seit  den  dreißiger  Jahren  des  19.  Jahrhunderts
  weit  über  dieses  legitime  Ziel  hinaus.  Nur  wenige  Zeugnisse,  welche  auch
die  oft  diffamierende  Darstellung  der  einheimischen  Sprache  durch  die  französische
  Verwaltung  belegen:  1836  beklagte  der  Souspréfet  von  Saargemünd  offiziell,
  daß  man  in  seinem  Arrondissement  „parle  partout  une  langue  barbare
qui  n’est  que  l’un  des  idiomes  les  plus  corrompus  de  l’Europe  ,..“.116  1850  erklärt
  die  Schulverwaltung  des  Département  Moselle,  daß  es  die  Aufgabe  der
vorbereitenden  écoles  maternelles  sei,  „franciser  les  Germains“.117  1856  nennt
der  Präsident  der  Cour  Impériale  de  Nancy,  Lezaud,  nach  anderen  Invektiven
die  Muttersprache  der  Einwohner  des  Südteils  des  Départements  Meurthe  „le
langage  de  l’étranger“118  usw.  Einsichtige  Betrachter  wie  Louis  Cazeaux,  der
Pfarrer  der  Straßburger  Pfarrei  St.  Johann,  Ehrenkanonikus  am  Straßburger
Münster,  der  1867  in  einem  Essai  aus  kulturellen,  wirtschaftlichen  und  politischen
  Gründen  die  Förderung  der  Bilingualität  empfahl,  verhallten  kaum  gehört
bei  den  Verantwortlichen.119  Gerade  in  den  60er  Jahren  spitzten  sich  auf  der
Basis  neuer  Schulprogramme  die  Verhältnisse  so  zu,  daß  sich  1869  im
deutschsprachigen  Lothringen  Klerus  und  Bevölkerung  zu  einer  Protestpetition
an  Napoléon  III.  entschlossen,  die  teilweise  erfolgreich  war.  Akzeptiert  waren
die  »Franzosen  deutscher  Zunge*  damit  freilich  keineswegs.120  Umgekehrt
täuschten  sich  die  Propagatoren  von  jenseits  des  Rheins,  wenn  sie  über  der  gemeinsamen
  Sprache  den  französischen  Patriotismus  der  neuen,  aber  nicht  gewonnenen
  Untertanen  nach  1870  zwar  registrierten,  aber  als  nur  vorläufig  nicht
akzeptierten.  Erst  Hans  Derichsweiler  hat  1905  im  Nachwort  seiner  »Geschichte
Lothringens*  diese  Illusion  schonungslos  aufgedeckt  und  die  ihr  zugrundeliegenden
  Mißverständnisse  gegeißelt.121

1  Martinet  (Anm.  113),  S.  37ff.
117  Martinet  (Anm.  113),  S.  51.
118  Ebd.,  vgl.  May  (Anm.  114),  S.  144ff.  Bemerkenswert  ist  auch  das  Mémoire  des  Recteur
der  Académie  de  Strasbourg,  Delcasso,  vom  7.  Dezember  1859,  der  das  Deutsche  der
Elsässer  ebenfalls  „une  langue  étrangère“  nennt.  Der  nach  seiner  Meinung  von  einer
„caste  des  lettrés  et  de  clercs“  getragene  Widerstand  der  Bevölkerung  gegen  die  Franzi  -
sierung,  „c’est  la  guerre  à  la  langue  française,  qui  se  fait  effrontément  et  en  termes
injurieux,  qu’il  ne  nous  est  pas  permis  de  subir  sans  manquer  à  notre  dignité.“  Vgl.  Kaiser
(Anm.  113),  S.49ff.
119  Cazeaux,  Louis:  Essai  sur  la  conservation  de  la  langue  allemande  en  Alsace,  Strasbourg
1867;  im  gleichen  Jahr  noch  in  deutscher  Sprache  erschienen  in  Straßburg  (Verlag  G.
Silbermann).
120  Vgi  dazu  May  (Anm.  114),  S.  196ff.;  Martinet  (Anm.  113),  S.  61ff.;  König  (Anm.  113),
S.  64ff.
121  Derichsweiler,  Hermann:  Geschichte  Lothringens,  Bd.  2,  Wiesbaden  1901,  S.  626ff.
Freilich  hat  Derichsweiler  die  Hoffnung,  daß  mit  der  nächsten  Generation  eine  Zeit
anbrechen  wird,  „in  der  ein  deutsches  Elsaß-Lothringen  kein  bloßes  Ideal  mehr  sein  wird“
(S.  641).

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