Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

Der linguistische Diskurs4 war für die publizistischen Gegner auf der anderen 
Seite schwer angreifbar.101 Emest Renan bestreitet nicht, daß das Elsaß ein 
deutschsprachiges Land sei, doch sei es einem Staate nur förderlich, Völker an¬ 
derer Sprache in seinem Gebiete zu integrieren, die Brücken zu anderen Kul¬ 
turen und Zivilisationen schlagen.102 Er verweist auf die Polen in Preußen, die 
Wallonen in Belgien. Auch Fustel de Coulanges, der Mommsen antwortet, be¬ 
streitet nicht, daß das Elsaß „parle allemand“. Er bestreitet, wie wir noch sehen 
werden, den „principe de nationalité“.103 Michelet - seinem Kollegen nicht un¬ 
ähnlich - warnt vor Pangermanismus, einem ,Weltreich der Teutomanen4 und 
bestreitet, daß Gemeinsamkeit der Sprache ausreicht, um Nationalität4 zu be¬ 
gründen:104 „Un certain petit fonds commun de langue ne fait rien, quand il 
s’agit de nationalité. L’Alsacien qui, avec un patois germanique, ne comprend 
pas l’allemand qu’on parle à une lieue de lui, n’est point du tout allemand. Et, 
s’il y a un pays sur la terre, hostile par son vif génie à toute idée, à toute 
habitude allemande, c’est précisément la Lorraine.“ Das war nun gewiß eine 
deutliche Übertreibung, aber keine sachbezogene Argumentation. Auch der El¬ 
sässer Edouard Schuré schiebt das linguistische Argument kurz und polemisch 
beiseite:105 „Ces ethnologues ne s’inquiètent pas de ce que le français 
prédomine dans toutes les villes alsaciennes“, was weder dem von Böckh ge¬ 
spiegelten Forschungsstand noch etwa der Argumentation eines Treitschke ge¬ 
recht wird. Ferner: „Ils sonst d’ailleurs tout prêts à faire fi de cet argument 
quand il s’agit du Nord-Schleswig; alors c’est la raison stratégique qui prévaut. 
Les Prussiens ont des arguments et des droits sacrés pour tous leurs appétits, 
pour toutes leurs convoitises.“ 
Nur der unsägliche Michiels unternimmt eine Zurückweisung in der Sache, und 
zwar in mehreren Schritten:106 Zunächst bestreitet er die quantitative Bedeu¬ 
tung der deutschen Sprache in Lothringen, die in Wahrheit ca. ein Drittel der 
Bevölkerung in verschiedenen Varianten sprach: „Sauf une mince bande de 
terrain, au nord, ou l’on jargonne un patois allemand des plus barbares, toute la 
der großen Mächte, auch Deutschland nicht, kann den unausführbaren Grundsatz < die 
Sprache allein besümmt die Gestalt des Staates > jemals anerkennen.“ 
101 So verwundert es nicht, daß in vielen französischen Publikationen das Sprachargument 
kaum behandelt wird, und das auf lange hinaus sowohl in populären wie wissen¬ 
schaftlichen Werken. Vgl. stellvertretend Grad, Charles [ein Elsässer aus Logelbach]: 
L’Alsace, le pays et ses habitants, Paris 1899; Denis, Emest: La fondation de l’Empire 
allemand (1852-1871), Paris 1906, 2. Aufl, 1924. 
102 Renan (Anm. 50), S. 27f. 
103 Fustel de Coulanges (Anm. 38), S. 9ïf. 
104 Michelet (Anm. 67), S. lOf. 
105 Schuré (Anm. 82), S. 15f. Michiels (Anm. 80), S. 56ff. 
K36 Michiels (Anm. 80), S. 56ff. 
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