Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

Grenzlinie in den Grundzügen später der Sprachgrenze;90 ja, zu den Gründen 
für die einzige Frankfurter Änderung der im Präliminarfrieden von Versailles 
festgelegten Grenze - zwischen Thionville und Longwy - gehörten neben wirt¬ 
schaftlichen Interessen (Erz!) linguistische, ortsnamenkundliche Argumente.91 
Dem »linguistischen Diskurs4 als Argumentationsmuster folgen die meisten 
deutschen Publikationen der Jahre 1870/71: Treitschke,92 Dove,93 Momm- 
sen,94 * Strauß,93 von Löher,9^ von Sybel92 und andere.98 Weizsäcker betont, 
daß trotz französischer Herrschaft die Sprache des Elsaß immer noch deutsch 
sei. Die Elsässer selbst unterschieden sich als eigene Sprachgruppe von den 
,Welschen4. Eine ziemlich gerade Linie von Longwy nach Beifort würde alle 
deutschen Dörfer enthalten. Die deutsche Bevölkerung könnte von „der franzö¬ 
sischen Korruption44 ihrer Muttersprache „befreit werden“.99 Doch ist - auch 
um diplomatische Komplikationen mit Staaten wie Österreich-Ungarn, der 
Schweiz und den Niederlanden zu vermeiden - „die unbedingte Trennung der 
Staaten nach der Sprachgrenze kein politisches Prinzip“ - so Treitschke, ähn¬ 
lich Dove.100 
(ebd. S. 5). Dagegen betonen andere, u.a. Heinrich v. Treitschke (Anm. 57), S. 330, die 
Bedeutung des strategischen Arguments: „Die unbedingte Trennung der Staaten nach der 
Sprachgrenze ist kein politisches Prinzip“. 
90 Sie war damit nach der Grenzziehung zwischen Belgien und Luxemburg vom Jahre 1839 
der zweite Fall, in dem in Europa eine Sprachgrenze in den Grundzügen einer Staats¬ 
grenze folgte. Die Abweichungen davon begründeten sich zum Teil aus historisch¬ 
linguistischen (aus Ortsnamen erschlossene ältere Lagerung der Sprachgrenze um 
Château-Salins und Morhange) bzw. strategischen Gründen (Metz und Umgebung). Vgl. 
May (Anm. 1), S. 86ff.; Colonel Laussedat: La délimitation de la frontière franco- 
allemande, Paris 1909. 
91 Die Neuerwerbungen betrafen einen Landstreifen westlich Thionville/Diedenhofen um 
Aumetz, Audun-le-Tiche/Deutsch-Oth, Fontoy/Fentsch, wo man deutsche Ortsnamen 
und teilweise noch aktuell deutschsprachige Bevölkerung anzutreffen glaubte. Vgl. 
Kiepert: „Gebietsaustausch“ (Anm. 88), vor allem S. 278ff. Dafür wurden Orte im 
Bereich von Beifort an Frankreich zurückgegeben . Vgl. May (Anm. 1), S. 104ff. 
92 Treitschke (Anm. 57), S. 294ff„ der im übrigen vorwiegend historisch argumentiert. 
93 Dove: „Westgrenzen“ (Anm. 61), S. 399ff.; Ders. (Anm. 23), S. 434f.; Ders. (Anm. 52), 
S. 497. 
94 Mommsen (Anm. 65), S. 16ff. (unter Berufung auf Richard Böckh). 
93 Strauß (Anm. 50), S. 46f. 
9^ v. Löher (Anm. 10), S. 60ff. (Deutsch-Lothringen); 72ff. (Elsaß). 
92 v. Sybel (Anm. 81), S. 528ff. (speziell in Abwehr von A. Michiels). 
98 Z.B. auch der anonyme Historicus (Anm. 76), S. 26f. 
99 Anrich (Anm. 48), S. 285ff. 
100 Treitschke (Anm. 57), S. 287; Dove (Anm. 61), S. 435. Treitschke (ebd.) sagt aber auch 
- bei grundsätzlicher Anerkennung des linguistischen Prinzips - ganz klar: „In keinem 
Lande Europas fällt die politische Grenze mit der nationalen vollständig zusammen; keine 
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