Wenden wir uns nun den in den genannten polemischen Schriften verfolgten
Diskussionslinien zu. Das erste und vielleicht wichtigste Argumentationsmuster
der Diskussion auf deutscher Seite, „Sorte de leitmotiv patriotique“ - wie
Gaston May 1909 treffend feststellt83 - ist das auf die Verwandtschaft der
Sprache gegründete und aus dem Nationalitätsprinzip abzuleitende Muster, was
zu erwarten war, da - wie wir an Böckh bereits sahen84 - für viele Teilnehmer
der deutschen intellektuellen Diskussion sich Nationalität an der Muttersprache
festmachte. Entschiedenster Anhänger Böckhs und sein wichtigster publizistischer
Vertreter ist Adolph Wagner, der Nationaloekonom: „Bei der Abtretung
von Eisass und Lothringen sollte nun das Nationalitätsprincip das leitende
Hauptprincip sein, so verstanden, wie es hier anwendbar ist, dass nämlich thunlichst
die Nationalität der Landgemeinden und Kleingrundbesitzer entscheidet.
Es wäre sogar zu wünschen, daß das Nationalitätsprincip im Friedensvertrage
ausdrücklich hervorgehoben würde.“85 „Die richtige Staatsgrenze ist ... nicht
5. November durch „une lettre éloquente et passionnée“ an eine Basler Zeitung (Anm. 77)
hatte aufhorchen lassen. Die Kampfschrift gemahnt in manchen Argumenten an Michelet
(Anm. 67), will jedoch bereits im Dezember 1870 fertiggestellt sein: Schuré, Edouard:
L’Alsace et les prétentions prussiennes. Réponse d’un alsacien aux allemands, Genève
(Librairie F. Richard) 1871. Durchaus zutreffend (S. 14ff.) differenziert er die Argumentation
der deutschen Publizistik, die er gut kennt; er unterscheidet 1) das ,Recht des
Siegers1 („le droit des représailles“), 2) die .natürlichen4 Grenzen, 3) das historische Argument,
4) das strategische Argument, 5) die linguistische Argumentation (Ja grande
raison de la langue“), 6) das „moralische Argument“ (vorwiegend bei dem nationalistischen
W. Menzel, Anm. 63, zu finden): „nous valons mieux que les Français“. Das Recht
Frankreichs (S. 16ff.) beruht auf einem wahrhaft fortschrittlichen Prinzip: „au point de
vue de l’humanité et de la civilisation, il vaut tous les autres: c’est la volonté de tous les
Alsaciens de rester Français.“ Die Revolution .franzifizierte4 das Elsaß endgültig: „Les
Alsaciens prirent part à son émancipation politique, üs comprirent les Droits de l’homme,
ils entrevirent un idéal nouveau“. Andererseits ist das Elsaß der Ort der Begegnung der
Kulturen (S. 43): „L’Alsace n’est plus une province allemande par l’ensemble de sa
population. Elle représente la fusion de deux races, elle est la preuve vivante de l’alliance
possible entre ces deux esprits si divers.“ Die Streitschrift gipfelt in einem Aufruf zu
ewigem Widerstand der Elsässer. Sie ruft - damit keineswegs isoliert im Frankreich von
1871 - zum Revanchekrieg auf (S. 57): „ ... notre vraie patrie vit et virra dans nos âmes.
Respirons, marchons, combattons avec la France, et le jour de la délivrance se lèvera sur
nos ruines. Attendons, espérons, persévérons sans relâche - jusqu’à ce que le sang versé
crie vengeance vers le ciel, jusqu’à ce que les âmes des morts combattent avec les vivants,
jusqu’à ce que les femmes et les enfants n’aient plus contre l’envahisseur, qu’une seule
pensée et qu’un seul cri: «De la poudre et des balles!»“
83 May (Anm. 1), S. 77.
84 Vgl. o. Anm. 3.
85 Wagner (Anm. 39, S. 19ff„ hier: S. 23. Vgl. auch Dove (Anm. 52), S. 497 in seiner
Rezension.
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