Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Legitimationsquelle  des  intellektuellen  Kampfes  um  Elsaß  und  Lothringen
wird,  in  den  Professorenkrieg  ein.5?  Vorangestellt  ist  als  Motto  ein  Zitat  Ulrichs
  von  Hutten:* 58
„Sag  an,  du  Wolf,  wann  bist  du  voll?
Denkst  nit,  daß  etwa  kam  ein  Tag,
Der  dir  bisher  verborgen  lag,
Da  du  mußt  speien  aus  den  Fraß?“
Die  heutige  Lektüre  dieses  seine  Argumente  wie  ein  Feuerwerk  versprühenden
Artikels  des  führenden  preussischen  Historikers  seiner  Zeit  bedrückt  und  beschämt.
  Bedrückt,  weil  hier  ein  bedeutender,  kenntnisreicher  Geist  allzuoft  in
den  Tiefen  platter  Demagogie  versinkt,  so  wenn  er  formuliert:  „Die  Beherrschung
  eines  deutschen  Stammes  durch  Franzosen  blieb  jederzeit  ein  ungesunder
  Zustand,  heute  ist  sie  ein  Verbrechen  wider  die  Vernunft  der  Geschichte,
eine  Knechtung  freier  Männer  durch  halbgebildete  Barbaren.“59  Beschämend
aber  ist  es,  mitanzusehen,  wie  sich  die  Wortgewalt  eines  begabten  Schriftstellers
in  Maßlosigkeit  und  Geifer  verwandelt.
Zu  den  Kombattanten60 61  gesellt  sich  Anfang  September  der  Publizist  Alfred
Dove  (1844-1916)  selbst  in  seiner  Monatsschrift  „Die  Grenzboten“  mit  einem
die  öffentliche  Argumentation  zusammenfassenden  Artikel  Die  deutschen  Westgrenzenß^
  Im  September  wird  u.a.  auch  die  bereits  erwähnte,  1859  erstpubli¬5?
  Treitschke,  Heinrich  v.:  „Was  fordern  wir  von  Frankreich?“,  neu  in:  Zehn  Jahre
Deutscher  Kämpfe.  Schriften  zur  Tagespolitik,  Berlin  2.  Aufl.  1879,  S.  285-327.  Aus
einem  Brief  Treitschkes  vom  31.8.1870  geht  hervor,  daß  er  in  der  Tat  seine  Streitschrift
kurz  zuvor  abgesandt  hatte.  Vgl.  Andreas  (Anm.  47),  S.  21.  Bereits  am  18.8.  saß  er  „an
einer  Arbeit  über  Elsaß  und  Lothringen“.  Vgl.  Comicelius  (Anm.  46),  S.  283.  Ob
Bismarck  Auftraggeber  der  Schrift  war,  ist  nicht  ganz  sicher.  Jedenfalls  hatte  er  am  15.
Juli  bereits  Bismarck  seine  „Feder“  angeboten  (ebd.,  S.  281).  Heinrich  von  Treitschke,  in
Dresden  geboren,  war  seit  1863  Professor  in  Freiburg,  trat  aber  wegen  der  Gegnerschaft
Badens  zu  Preußen  1866  von  seinem  Lehrstuhl  zurück,  begründete  in  Berlin  die  preußischen
  Jahrbücher“,  übernahm  jedoch  noch  1866  erneut  einen  Lehrstuhl  für  Geschichte
an  der  neuen  Provinzialuniversität  in  Kiel,  um  dann  1867  nach  Heidelberg  zu  gehen.
1871-74  war  er  Mitglied  des  Reichstages,  um  dann  einem  Ruf  nach  Berlin  zu  folgen.
58  Sorel  (Anm.  40),  S.  273,  bemerkte  zu  diesem  Motto:  „Cette  citation  du  farouche
aventurier  du  quinzième  siècle  était  tout  un  programme.“
59  Ebd.  S.  291.
60  Wesentlich  zurückhaltender  als  Treitschke  blieb  Leopold  Ranke.  Vgl.  Küntzel,  Georg:
.Leopold  Ranke  und  Elsaß-Lothringen“,  in:  Elsaß-Lothringisches  Jahrbuch  8  (1929),  S.
297-310,  wo  gut  herausgearbeitet  wird,  daß  es  Ranke  um  die  Einordnung  des  neuen
Reiches  in  eine  europäische  Friedensordnung  ging.
61  Dove,  Alfred:  „Elsaß  und  Lothringen“,  in:  Die  Grenzboten.  Zeitschrift  für  Politik  und
Literatur  29  (1870),  U.  Semester,  Bd.  1,  S.  266ff.;  „Die  deutschen  Westgrenzen“,  ebd.,  S.
399ff.  Für  Alfred  Dove,  1873  in  Leipzig  habilitiert,  später  Professor  für  Geschichte  in

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