Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

3. Die  wissenschaftliche  Polemik  im  Umkreis  des  Deutsch-Französischen
Krieges
Hier  ist  nicht  der  Ort,  den  Verlauf  des  Krieges  von  1870/71  nachzuzeichnen.
Nur  wenige  Rahmendaten  mögen  der  Vergegenwärtigung  der  äußeren  Ereignisse
  des  Völkerdramas  dienen:
Am  19.  Juli  1870  erklärt  Frankreich  Preußen  den  Krieg.  Damit  ist  der  Norddeutsche
  Bund  automatisch  in  den  Krieg  involviert.  Die  süddeutschen  Staaten
stellen  sich  sofort  an  die  Seite  des  Bundes.  Anfang  August  dringen  die  deutschen
  Armeen  erfolgreich  ins  nördliche  Elsaß  und  in  Lothringen  ein.  Am  1.
September  muß  Kaiser  Napoléon  III.  in  Sedan  kapitulieren;  der  Kaiser  wird
gestürzt,  die  Republik  Frankreich  setzt  den  Kampf  fort  -  letzten  Endes  ohne
durchschlagenden  Erfolg.  Am  18.  Januar  1871  wird  die  Einigung  des  Norddeutschen
  Bundes  mit  den  süddeutschen  Staaten  durch  die  Proklamation  des
preußischen  Königs  zum  Deutschen  Kaiser  vollzogen.  Am  26.  Februar,  im  Präliminarfrieden
  von  Versailles,  tritt  Frankreich  an  das  neue  Deutsche  Reich  das
Elsaß  (ohne  Beifort)  und  die  deutschsprachigen  Teile  Lothringens  mit  dem
französischsprachigen  Metz  samt  Umland  ab.  Der  Frieden  von  Frankfurt  bestätigt
  am  10.  Mai  1871  diese  Ergebnisse  mit  kleinen  Änderungen.41
Mit  eventuellen  Kriegszielen  hatte  sich  die  deutsche  Presse  und  die  weitere  Öffentlichkeit
  vor  Ausbruch  des  Krieges  nicht  beschäftigt.  Doch  wird  die  latente
Übereinstimmung  auf  der  Basis  des  Nationalitätsprinzips  klar,  wenn  am  13.  Juli
-  „kaum  ohne  den  Willen  Bismarcks“  -42  die  „Berliner  Börsenzeitung“
schreibt:  „Noch  hat  kein  deutsches  Blatt  die  Kriegseventualitäten  erwogen,  noch
ist  der  Name  von  Elsaß  und  Lothringen  nicht  ausgesprochen,  während  es  doch
sicher  nach  einem  siegreichen  Feldzuge  gegen  Frankreich  keinem  Deutschen  als
möglich  erscheinen  würde,  Straßburg  noch  eine  französische  Stadt  bleiben  zu
lassen.“  Die  Öffentliche  Meinung  und  die  veröffentlichte  Meinung  explodieren
in  diesem  Tenor  unmittelbar  nach  der  Kriegserklärung:43

41  Vgl.  zu  den  vertraglichen  Resultaten  des  Krieges  vorwiegend:  Valfrey,  J.:  Histoire  du
traité  de  Francfort  et  de  la  libération  du  français.  Première  partie:  1er  mai  au  12  octobre
1871,  Paris  1874;  Sorel  (Anm.  40),  passim;  May  (Anm.  1)  passim.
42  So  der  zitierende  Jacob  (Anm.  34),  S.  8;  Zweifel  daran  bei  Körner  (Anm.  43),  S.  17.
43  Vgl.  zur  Publizistik  Sorel  (Anm.  40),  S.  208f.  272ff;  Jacob  (Anm.  34),  S.  7*ff.;  Körner,
Gustav:  Die  norddeutsche  Publizistik  und  die  Reichsgründung  im  J.  1870,  Hannover
1907.  Noch  in  der  Kampfrede  gegen  Frankreich  vom  3.  August  1870  von  du  Bois-Reymond,
  Emil:  „Über  den  deutschen  Krieg.  Rektorats-Rede  am  Friedrich-Wilhelmstag
der  Berliner  Universität“,  in:  Paul  Brönnle  (Hrsg.):  Vor  45  Jahren.  Worte  aus  großer
Vergangenheit,  Leipzig  1915,  S.  50-80,  findet  sich  keine  Forderung  auf  Elsaß  oder
Lothringen.

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