völkerung zukommt, wäre die unerläßliche Bedingung, unter welcher der erstarkende
deutsche Volksgeist die fortdauernde Verbindung eines wichtigen
Theiles der Nation mit einem fremden Reiche ohne Entwürdigung betrachten
könnte, ohne Veränderung der Staatsgrenze, der deutschen Nation das rechte
Pfand des Friedens und der Freundschaft geben.“ Jedoch gewinne man den
Eindruck, daß das Gegenteil der Fall sei, das sei „eine offene Kriegserklärung
gegen die deutsche Nation“.33
Hier werden - und deswegen ist diese Schrift trotz ihres wissenschaftlichen
Charakters und ihrer nur elitären Wirkung so wichtig - bereits die Bedingungen
politischen Handelns nach den Grundsätzen des Nationalitätsprinzips deutlich:
Die deutsche Nationalität, auch ihre verlorenen Kinder, lassen sich durch Ermittlung
der Muttersprache feststellen. Es ist bezeichnend, wie später die publizistischen
Anhänger des Nationalitätsprinzips Beobachtungen deutscher Armeeangehöriger
beim Marsch durch die östlichen Provinzen Frankreichs verwerten,
so etwa Gustav Freytag:34
„Als unser Heer die Grenze überschritten hatte und die heimische Sprache
fortdauerte, unsere flachsköpfigen Kinder in den Dörfern, deutscher Hausbrauch
und deutsche Gutmüthigkeit bei den Dorfleuten, da war’s den Soldaten
seltsam, daß die Franzosen so aussehen sollten. Die Elsässer sind auf
dem Lande, wie in den kleinen Städten noch viel vollständiger deutsch, als
wir annehmen.“
Oder:35 * „Daß die Bewohner zumal des unteren Elsasses nicht bloß in der
Sprache, sondern weit mehr, als sie sich selber eingestehen wollen, auch in
den Sitten das Gepräge deutschen Volkstums treu bewahrt haben, wem
könnte das im Verkehr mit dem gemeinen Mann auch nur einen Tag verborgen
bleiben ...“
Das Nationalitätsprinzip war der Politik Frankreichs zu diesem Zeitpunkt keineswegs
fremd. Napoléon III. hatte die italienische Einigung und polnische
Bestrebungen unter diesem Vorzeichen unterstützt; zu mehreren Malen hat er
Angebote an Preußen gemacht, die dessen Rolle als Einiger der Deutschen anerkannten
und unterstützten, hatte unter dem Vorwand dieses Prinzips Aspirationen
auf Belgien und Luxemburg erkennen lassen, denen sich ein Bismarck
nicht abgeneigt zeigte.3^ Nur die Anwendung des Prinzips auf Frankreich war
ungewohnt. Welche Sprengkraft dieses Prinzip gegenüber dem geltenden euro¬33
Böckh (Anm. 3), S. 17.
34 Die Grenzboten. Zeitschrift für Politik und Literatur, Bd. 29 (1870), II. Semester, Bd. 1,
S. 323, neu in: Freytag, Gustav: Gesammelte Aufsätze, Bd. 1: Politische Aufsätze, Leipzig
1888, S. 380f. 384f.; vgl. mit weiteren Zeugnissen Jacob, Karl: Bismarck und die
Erwerbung Elsaß-Lothringens 1870-71, Straßburg 1905, S. 18*f. Anm. 4.
35 Jacob (Anm. 34), ebd,
3i> Vgl. z.B. Platzhoff, Walter: „Bismarcks Stellung zu Frankreich“, in: Elsaß-Lothringisches
Jahrbuch 10 (1931), S. 249-270, besonders S. 254f.
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