Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Gerade  in  einer  dieser  Aktualisierungsphasen,  der  Krise  von  1840,  entstand  das
Memorandum  des  damaligen  preußischen  Hauptmanns  Helmut  von  Moltke,  der
seinerzeit  das  alte  ,Erbland4  Elsaß  und  Lothringen  aus  Sicherheitsgründen  forderte.5
  Moltke  wird  1870  Generalstabschef  der  preußischen  Armee  und  der
militärische  spiritus  rector  der  Annexion  Elsaß-Lothringens  sein.  Aber  seine
Forderung  ist  1840  isoliert.  Erst  im  Kontext  der  italienischen  Einigungskriege
von  1859/60  und  des  erneuten  Aufflammens  der  deutschen  Einigungsbestrebungen,
  etwa  durch  die  Gründung  des  ,Deutschen  Nationalvereins4,  wird  auch
die  elsaß-lothringische  Frage  wieder  neu  gestellt,  allerdings  noch  ohne  spürbare
Beteiligung  der  Universität:  Die  Kampfschrift  Elsaß  und  Lothringen  deutsch  erscheint
  1860  anonym  im  Berliner  Springer-Verlag  und  knüpft  explizit  an  die
unerfüllt  gebliebenen  Forderungen  von  1815  an.6  Auch  Moltke  reiht  sich  mit
einer  Denkschrift  vom  26.  Februar  1859  ein.7  Einige  der  publizistischen  Kämpfer
  von  1870/71  erscheinen  bereits  auf  der  Bühne:  so  1859  Adolph  Schmidts
Broschüre  Eisass  und  Lothringen.  Nachweis,  wie  diese  Provinzen  dem  deutschen
Reiche  verloren  gingen,  die  ihre  2.  und  3.  Auflage  am  8.  und  26.  September
1870  in  Leipzig  erlebten.8 9  Franz  von  Löher  erhebt  seinen  Ruf  Alldeutschland
nach  Frankreich  hinein  im  selben  Jahr.9  Diese  Forderungen  werden  durchaus
schon  mit  dem  Bewußtsein  gestellt,  daß  Frankreich  seit  der  Revolution  von
1789  die  Untertanen  seiner  neuen  Provinzen  für  die  Nation  gewonnen  hatte.10

Westfrage,  Berlin  1936;  Fèvre,  Lucien:  Der  Rhein  und  seine  Geschichte,  Frankfurt  a.M.
1994;  ursprünglich  in:  Ders./Demargeon,  Albert:  Le  Rhin.  Problèmes  d'histoire  et
d’économie,  Paris  1935.  Die  oben  genannten  Werke  sind  von  durchaus  unterschiedlichem
wissenschaftlichen  Gewicht.
5  Moltke,  Helmut  v.:  „Die  westliche  Grenzfrage“,  in:  Deutsche  Vierteljahrsschrift  (Stuttgart,
  Verlag  Cotta)  1841;  neu  in:  Ders.:  Gesammelte  Schriften,  Bd.  2,  Berlin  1892,  S.
171-228.
6  Elsaß  und  Lothringen  deutsch,  Berlin  (Verlag  Julius  Springer)  1860.  Die  Schrift,  die  die
Wiedergewinnung  des  Elsaß  und  Lothringens  erst  als  Folge  einer  deutschen  Einigung
erwartet  (S.  lOOff.),  ist  ganz  auf  den  alsbald  zu  führenden  nationalen*  Diskurs  eingestimmt.
  Die  Wiedergewinnung  soll  sich  strikt  nach  den  Forderungen  eines  sprachlich
definierten  Nationalitätsprinzips  richten  (S.  4);  gegenüber  Forderungen  des  Selbstbestimmungsrechtes
  wird  die  Theorie  vom  ,verdeckten  Volkstum*,  das  es  wieder  ans  Licht  zu
heben  güt  (vgl.  u.  S.  235ff.),  geltend  gemacht  (S.  86ff.).
7  Moltke,  Helmut  v.:  Militärische  Korrespondenz,  1902,  Bd.  1,4,  S.  41f.  (Denkschrift  vom
26.  II.  1859).
8  Schmidt,  Adolph:  Eisass  und  Lothringen.  Nachweis,  wie  diese  Provinzen  dem  deutschen
Reiche  verloren  gingen,  Leipzig  (Verlag  von  Veit  und  Companie)  1859.
9  Löher,  Franz  v.:  Alldeutschland  nach  Frankreich  hinein,  ca.  1859.  Der  Autor  verweist
selbst  auf  diese  Schrift  in  Löher  (Anm.  10).  Sie  war  mir  bisher  nicht  erreichbar.
10  Löher,  Franz  v.:  Aus  Natur  und  Geschichte  von  Elsaß-Lothringen,  Leipzig  1871,  S.  59.
Eine  weitere  Schrift  Löhers:  „Abrechnung  mit  Frankreich“  [zuerst  in:  Ergänzungsblätter

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