Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Literaturgeschichte  weiterhin  zu  ermöglichen.  Daraus  erwächst  vor  allem  die
absolute  Priorität,  die  Deutschkenntnisse  zu  verbessern.  In  diesem  Sinn  stellt
sich  das  Schulproblem,  geht  es  doch  auf  entscheidende  Weise  um  die  Förderung
des  Deutschunterrichts  in  Richtung  eines  „bilinguisme  scolaire“:  Französisch  /
Deutsch  (d.h.  der  deutschen  Standardsprache).
Nicht  zu  unrecht  steht  das  Problem  des  Deutschunterrichts  im  Mittelpunkt  der
leidenschaftlichen  Auseinandersetzungen.  Es  sei  daran  erinnert,  daß  Deutsch
nach  1945  aus  der  Volksschule  verbannt  wurde.  Im  Laufe  der  siebziger  und
achtziger  Jahre  konnte  nach  und  nach  ein  Deutschunterricht  wiedereingeführt
werden,  wenigstens  in  den  drei  letzten  Grund  Schulklassen  (2  bis  3  Wochenstunden),
  allerdings  fakultativ  und  nicht  problemlos,  was  Organisation  und
Effizienz  betrifft,  besonders  in  bezug  auf  die  Lehrerausbildung.  Es  laufen  zur
Zeit  pädagogische  Versuche,  in  einigen  Schulen  die  Stundenzahl  zu  erhöhen,  ja
einen  zweisprachigen  Unterricht  paritätisch  aufzubauen,  vereinzelt  sogar  schon
von  der  Kleinkinderschule  (Vorschule)  an.  In  den  Collèges  und  Lycées  wird
Deutsch  als  „Fremdsprache“  gelehrt  (über  die  Hälfte  der  Schüler  wählt  Deutsch
als  „erste  Fremdsprache“,  während  der  französische  Durchschnitt  kaum  über  12
Prozent  liegt);  interessierte  Schüler  können  sich  nun  auch  verstärkt  in  Deutsch
ausbilden,  gemäß  der  spezifisch  elsässischen  Situation.8  Es  darf  zusammenfassend
  heute  festgestellt  werden,  daß  der  Deutschunterricht  öffentlich  gefördert
wird,  wobei  hauptsächlich  wirtschaftliche  Argumente  und  Notwendigkeiten  zur
Geltung  kamen.  Daß  dabei  die  identitäre  Problematik  eher  ausgeklammert  wird,
ist  wohl  ebenso  charakteristisch  für  eine  fortwirkende  Verdrängung  des  Deutschen.
  Wenn  sogar  Befürchtungen  laut  werden,  die  Förderung  des  Deutschunterrichts
  könnte  dem  „Elsässischen“  schaden,  spielt  das  „schizophrene“  Verhalten
  nur  allzu  deutlich  mit.  Die  Beziehung  zwischen  den  dialektalen  Varianten
und  der  Standardform  des  Deutschen  beschreibt  einen  Kreislauf.  Nach  diesem
Sprachkreislauf  erleichtert  die  Kenntnis  des  „Elsässischen“  die  des  „Deutschen“,
und  in  diesem  Sinn  war  diese  Kenntnis  ein  wesentlicher  Faktor  und  sollte  es
auch  weiterhin  bleiben.  Angesichts  des  Rückgangs  der  Mundart,  ja  sogar  des
tatsächlich  drohenden  Verschwindens  dürfen  wir  jedoch  hoffen,  daß  in  umgekehrter
  Richtung  der  Deutschunterricht  sich  positiv  auf  das  Überleben  des
„Elsässischen“  auswirken  wird.  Dieser  Unterricht  sollte  das  Interesse  für  den
Dialekt  neu  wecken,  seine  Notwendigkeit  und  seine  Nützlichkeit  erkennen
lassen;  der  Deutschunterricht  erscheint  sogar  als  die  sicherste  Garantie  für  den
weiter  bestehenden  Zugang  zum  Dialekt  bei  den  heranwachsenden  und  künftigen
  Generationen.  Ein  1993  in  Straßburg  von  der  „Région  Alsace“  offiziell  gegründetes
  „Regionalamt  für  die  Zweisprachigkeit“  („Office  régional  du
bilinguisme“)  setzt  sich  tatkräftig  für  den  Deutschunterricht  und  die  deutschfranzösische
  Zweisprachigkeit  auf  allen  Gebieten  des  öffentlichen  Lebens  ein.
Es  darf  in  diesem  Zusammenhang  hinzugefügt  werden,  daß  die  Bundesrepublik
keine  Hemmungen  mehr  haben  sollte,  zur  Erhaltung  und  Förderung  der  deut¬Zur

  aktuellen  Situation  vgl.  L’enseignement  des  langues  dans  l'Académie.

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