linguistische Untersuchungen dokumentieren, wie sehr die sprachliche Verwandtschaft
mit dem deutschen Standard von den Dialektsprechem angezweifelt,
ja sogar verneint wird, so daß „Deutsch“ tatsächlich als „Fremdsprache“
angesehen werden kann, wenn sich dabei auch ein paradoxes Verhalten kundtut,
ja ein gewisses Unbehagen,^ Schon der heutige Begriff „Elsässisch“ anstelle des
traditionellen „Elsässerdeutsch“ (oder einfach „Ditsch“, wie es früher noch
hieß) ist bedeutsam für dieses Sprachbewußtsein. Aber auch dies bedarf einer
Analyse, ja einer Psychoanalyse! Handelt es sich nicht um den berühmten
„elsässischen Komplex“, der bereits in der Nachkriegszeit von Frédéric Hoffet
in seiner (leider auch heute noch aktuellen) Psychanalyse de l’Alsace erörtert
wurde? Geht es letztlich nicht um eine Verdrängung des Deutschen (eben auch
in psychoanalytischer Perspektive), die bedingt ist durch ein negatives, ja sogar
abschreckendes, zutiefst traumatisierendes Deutschlandbild (besonders tiefgreifend
durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, die Zwangseinziehung in
die Wehrmacht, die systematische „Ausrottung“ alles Französischen) sowie
durch die (mehr oder weniger) unbewußte Verinnerlichung der französischen
(assimilationistischen) Sprachpolitik. So dürfen wir von einem psychisch
schwer belasteten und verfälschten Sprachbewußtsein sprechen. Daraus können
wir die Schlußfolgerung ziehen, daß somit Aufklärung notwendig ist zur Bewältigung
und Überwindung dieses verzerrten Bewußtseins. Also eine elsässische
Pädagogik. Sollte dies nicht die Aufgabe derjenigen sein, die das Wissen
und das Sagen haben? Die Diagnose genügt nicht, es bedarf der Therapie. Das
bedeutet, daß man, sich dabei auf die sogenannte „wissenschaftliche Objektivität“
berufend, auch nicht bei einer rein deskriptiv-dialektologischen Bestandsaufnahme
stehenbleiben sollte, die, gerade durch das bewußte Aussparen der
persönlichen Stellungnahme, bereits eine (auf Ängste und Komplexe verweisende)
Stellungnahme impliziert.
Selbst wenn die historische Verbindung nicht mehr bewußt genug ist, bleibt sie
gegenwärtig, und sei es nur durch die Gegenwart der Geschichte, ihren kulturellen
Wert als Erbe und Gedächtnis, Erinnerung und Auftrag zugleich. Gegenwärtig
auch bis in die schmerzvoll-traumatische Verzerrung durch die ungenügende
(unmögliche und deshalb weitgehend ausgebliebene?) Trauerarbeit, die
wiederum mit Geschichte und Gedächtnis zu tun hat. An dieser Stelle sei
nochmals auf die literarische Tradition des Elsaß hingewiesen. Sie ist in erster
Linie deutschsprachig, von Gottfried von Straßburg zu René Schickele, und es
gibt auch heute noch eine deutschsprachige Literatur im Elsaß. „Deutsch“ als
„Fremdsprache“ empfinden und bezeichnen, heißt, diesen wesentlichen Teil der
kulturellen Identität verleugnen, und streng gesprochen ist dies eine Negierung
oder zumindest eine Verdrängung der deutschsprachigen Autoren, die dann logischerweise
als „fremd“ im eigenen Land erscheinen. Wenn heute Deutsch als
Schriftsprache problematisch geworden ist, soll sich daraus die Notwendigkeit
ergeben, alles daran zu setzen, um den sprachlichen Zugang zu dieser eigenen
Vgl. Bothorel-Witz/Huck: „Sprachbewußtsein der Mundartsprecher im Elsaß.“
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