Wir wollen versuchen, diese Problematik zusammenfassend zu erörtern und unsere
eigene Stellungnahme zu rechtfertigen.2
Die doppelte Dimension ist historisch begründet. Die Zugehörigkeit des
„Elsässischen“ zum germanophonen Sprachraum - vom Alemannischen zum
Fränkischen - ist ein Faktum, das auf die Zeit der Völkerwanderungen zurückgeht.
Das kann ja wissenschaftlich nicht geleugnet werden, wenn auch versucht
wurde, eine vorwiegend „keltische“ Abstammung ins Feld zu führen. Die Gegenargumentation
verlagert sich nun aber auf folgende Fragestellung: Entspricht
die historische Verwandtschaft noch der heutigen Realität? Denn eine
andere Gegebenheit drängt sich in der aktuellen Situation drastisch genug auf:
die Übernahme (vor allem lexikalisch) von französischen Sprachelementen. So
kommt es bekanntlich zu einem Codeswitching, und zwar durch fehlende
Kenntnis der betreffenden Mundartausdrücke oder direkte Beeinflussung durch
die Nationalsprache und frankophone Umwelt. Bedeutet dies schließlich nicht
einen Bruch im traditionellen „Kontinuum“ der deutschen Mundarten? Ist die
elsässische Dialektophonie somit nicht neu zu definieren in spezifischer Perspektive?
Die jüngsten deskriptiv-dialektologischen Bestandsaufnahmen glauben
darauf hindeuten zu müssen.3 Das heißt auch, daß „Deutsch“ nicht mehr als entsprechende
„Standardsprache“ betrachtet werden könnte, bzw. von den betreffenden
Sprechern nicht mehr als solche empfunden wird.
Gegen eine solche Schlußfolgerung möchten wir folgendes einwenden:
Es muß bestimmt ein „Bruch“ festgestellt werden, wenn jene Übernahme französischer
Sprachelemente vorherrschend wird, womit aber das ständige Codeswitching
sprachzersetzend wirkt, zum Verlust der dialektophonen Sprachkompetenz
führt. Der „Bruch“ beeinträchtigt schließlich die Struktur, d.h. das Leben
und Wesen der Sprache. So kann in diesem Fall nicht mehr von einer
neuen Definition der Dialektophonie gesprochen werden; es handelt sich eigentlich
um die Phase der Auflösung des Dialekts, des definitiven Verschwindens.
Daß dies schon weitgehend Wirklichkeit geworden ist, kann statistisch erfaßt
und belegt werden. Die Zahlen sind bekannt: wenn augenblicklich noch
fast 70 Prozent der Erwachsenen als dialektophon gelten, kann nach den neuesten
Statistiken höchstens mit 25 Prozent der Schulkinder gerechnet werden.
Mehrere Untersuchungen sind dem Verfall der Mundart gewidmet worden. Das
Ende des Dialekts („la fin du dialecte“) scheint vorprogrammiert.4
Jedoch ist die Lage komplexer. Bekanntlich kommt es zu beträchtlichen Unter-Vgl.
Finck: La stratégie du lierre.
Es handelt sich um die Forschungsarbeiten von Bothorel-Witz und Huck.
Vgl. Denis/Veltmann: Le déclin du dialecte alsacien; Kretz: La langue perdue des
Alsaciens; Ladin: Der elsässische Dialekt - museumsreif?
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