Wenn schon das ladin als Amtssprache anerkannt ist, wird es unumgänglich
sein, eine derartige kodifizierte koiné zu schaffen. Nur kann eine solche Verwaltung
ssprache nicht aufoktroyiert werden; sie muß die nötige Akzeptanz finden
und von den Sprechern gewollt sein. Die ungleiche Behandlung der einzelnen
Talschaften, die Privilegierung der Grödner- und Gadertaler gegenüber den
Fassanem und den Buchensteinem hat leider nicht jenes Gemeinschaftsgefühl
geschaffen, das für eine derartige koiné erforderlich wäre. Erstaunlicherweise
kommt der massivste Widerstand ausgerechnet aus dem privilegierten Gröden.
Ein Zitat von Heinrich Schmid (Holtus/Kramer 1987, 18) zur koiné: „Ernstliche
Verständigungsschwierigkeiten sind freilich nicht zu erwarten: Wer will,
wird verstehen, wer nicht will, wird ohnehin nichts verstehen.“
Eine weitere Schwierigkeit bei der Erschaffung dieses ladin dolomitan sehe ich
in der Tabuisierung des Italienischen. Gerade für Fassa und Buchenstein, die ja
von der italienischen Kultursprache überdacht sind, wäre es naheliegend, bestimmte
orthographische Gewohnheiten des Italienischen zu übernehmen, z.B,
bei der Schreibung von Palatallauten. Die Aversion und die negativen Erinnerungen
an die sprachliche Unterdrückungszeit 1919-1948 erlauben diese Anlehnung
an das Italienische aber nicht, so daß neben rein linguistischen Faktoren
auch noch sprachpsychologische Gegebenheiten bei der Schaffung des ladin
dolomitan berücksichtigt werden müssen. Einerseits wäre es sicher zu begrüßen,
wenn eine solche gemeinsame schriftsprachliche, interladinische Form geschaffen
würde; andererseits stellt sich aber auch die Frage, ob eine derart konstruierte
koiné die Sprachbenutzer nicht überfordert und sie dadurch zum
Übergang zum Italienischen oder hauptsächlich zum Deutschen animiert
(Kramer in Holtus/Kramer 1987, 605 n. 135). Kramer (1994, 436) schreibt:
„Wenn man so will, kann man im immer weiter um sich greifenden Ausbau
kleinerer romanischer Idiome zu Schriftsprachen ein Luxusphänomen sehen ...
Der Eigensprachlichkeitsanspruch gehört mit zum generelleren Anspruch auf
eine eigene Regionalkultur ... Nicht einem sprachlichen Erfordernis entspricht
also der Ausbau der kleineren romanischen Sprachen, sondern einer gruppenpsychologischen
Notwendigkeit.“ Zustimmen kann ich der Schlußfolgerung
von Johannes Kramer (1994, 437): „Ob die neuen romanischen Klein-Schriftsprachen
die etablierten National sprachen letztlich in ihrer Stellung werden erschüttern
können, muß allerdings fraglich bleiben: Bisher ist es, vom Sonderfall
des Katalanischen abgesehen, keiner neu konzipierten romanischen Schriftsprache
gelungen, den Funktionsbereich des Spanischen, des Französischen
oder des Italienischen wirklich zurückzudrängen; bestenfalls erobern die neuen
Idiome sich eine Rolle neben den Traditionssprachen (und erhöhen damit den
Lernaufwand, den die Bürger auf sprachliche Gegebenheiten aufwenden
müssen), schlimmstenfalls bleiben sie deklamatorisches Hobby einer belächelten
Gruppe intellektueller Zeloten. Nicht die Qualität der Sprachreformmaßnahmen,
sondern die politische Entwicklung wird über das Schicksal der
„linguae Romanicae minores“ entscheiden.“
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