Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

giert  (Kramer  1981,  161)S. 7,  ca.  4.000  außerhalb  der  Ladinia.  Vergleichen  wir
die  Zahl  von  ca.  65.000  Zentralladinem  mit  der  der  ca.  700.000  halbprivilegierten
  Friulaner,  so  umfaßt  die  erstere  nicht  einmal  10  %  der  zweiten.  Die
ungleiche  Behandlung  der  Ladiner  je  nachdem,  ob  sie  zur  Provinz  Bozen  (Serie
A),  zur  Provinz  Trento  (Serie  B)  oder  zur  Provinz  Belluno  (Serie  C)  gehören,
schafft  Zwietracht  und  Neid,  sogar  zwischen  Gadertalern  und  Grödnem,  bedingt
  durch  den  Verteilungskampf  um  Gelder  oder  durch  berufliche  Perspektiven
  (Postenschacher).  Quotenregelungen  und  ethnischer  Opportunismus  oder
finanzielle  Besserstellung  der  Provinz  Bozen  scheinen  das  Gemeinschaftsgefühl
der  ladinischen  Talschaften  zu  gefährden.  Symptomatisch  die  Antwort  auf
Frage  14  der  Enquête  von  Born  1992,  243:  „Besteht  eine  Rivalität  zwischen
den  einzelnen  Tälern?  Wenn  ja,  warum?  Wie  äußert  sie  sich?“  Die  Antwort  von
Sujet  32  lautet:  „Ja  und  nein.  Die  Ladiner  in  der  Provinz  Bozen  sind  bessergestellt
  und  erachten  sich  als  die  besseren  Ladiner  und  betrachten  die  in  den  anderen
  Provinzen  (Trentino  und  Belluno)  lebenden  Ladiner  mit  einer  gewissen
Zwiespältigkeit.“  Diese  Besserstellung  äußert  sich  z.B.  in  einer  indennità  di
trasferta,  einer  Aufwandsentschädigung  für  jene  Ladiner  der  Provinz  Bozen,
die  regelmäßig  außerhalb  ihres  ladinischen  Sprachraumes  arbeiten  (Belardi
1993b,  266).
Neben  der  sprachlichen  Differenzierung  der  vier  Dolomitentäier  ist  im  20.
Jahrhundert  eine  ausgeprägte  soziale  und  wirtschaftliche  Schichtung  dazugekommen.
  Es  gibt  Gemeinden,  die  dank  des  Tourismus  einen  gewaltigen  Aufschwung
  erlebten,  und  daneben  vorwiegend  agrar  ausgerichtete  Gebiete,  die  nur
einen  geringen  Anteil  an  diesem  Wirtschaftswachstum  hatten.  Die  in  früheren
Jahrhunderten  bestehende  soziale  Einheit  dieser  Talschaften  ist  aufgebrochen
worden,  und  für  das  letzte  Jahrzehnt  stellt  Belardi  1993a,  317,  fest:  „Je  stärker
der  wirtschaftliche  Aufschwung  einer  Gegend,  desto  geringer  der  Sozialisierungsgrad
  ihrer  Bewohner,“  Bei  der  Unterscheidung  privilegiert-unterprivilegiert
  muß  man  ergänzend  beifügen,  daß  die  italienische  Verfassung  vom  27.
Juli  1947  ausdrücklich  allen  Italienern,  unabhängig  von  ethnischen  Differenzen,
rechtliche  Gleichstellung  zusichert.8  Der  Schutz  der  sprachlichen  und  kulturellen
  Rechte  der  einzelnen  Volksgruppen  wird  durch  das  Autonomiestatut  von
1963  garantiert.  Aber  diese  Rechte  stehen  für  Halbprivilegierte  und  Unterprivilegierte
  nur  auf  dem  Papier.  Heute  wird  niemand  mehr  daran  gehindert,  in  sei¬S.

  272,  genannt  werden  und  auf  eine  Untersuchung  des  ISTAT  (Istituto  Centrale  di
Statistica)  aus  dem  Jahre  1984  zurückgehen.  Diese  schätzt  die  Anzahl  derer,  die  Ladinisch
zu  Hause  sprechen,  auf  7  550  Einwohner,  was  einem  Anteil  von  1,7  %  an  der  Gesamtbevölkerung
  der  Provinz  Trient  entspricht.
Born  1992,  25:  „Die  Bevölkerungsentwicklung  seit  1981  läßt  vermuten,  daß  im  Jahre
1991  295  000  Deutsche  und  18  000  Ladiner  in  der  Provinz  Bozen  leben.“
„Tutti  i  cittadini  hanno  dignità  sociale  e  sono  uguali  davanti  alla  legge,  senza  distinzione  di
sesso,  di  razza,  di  lingua,  di  religioni,  di  opinioni  politiche,  di  condizioni  personali  e
sociali.“

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