Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Entscheidend  für  Craffonara  sind  deshalb  nicht  nur  linguistische  Überlegungen,
sondern  vor  allem  die  Selbsteinschätzung  der  Bewohner.  Das  ladinische  Selbstbewußtsein
  ist  im  letzten  Jahrzehnt  gestiegen.  Besonders  in  der  Provinz  Bozen
haben  äußere  Rahmenbedingungen  ein  günstiges  Klima  für  die  Erhaltung  einer
Minderheitensprache  geschaffen.  „Daß  Kinder  das  autochthone  Idiom  als  Erstsprache
  erlernen,  ist  heute  in  allen  Tälern  wieder  selbstverständlicher,  als  dies
noch  vor  zwanzig  Jahren  der  Fall  war.“  „Es  bleibt  festzuhalten,  daß  der  Wille
vorhanden  ist,  Ladinisch  zu  sprechen,  zu  lesen,  im  Rundfunk  und  Fernsehen  zu
rezipieren  und  ihm  einen  höheren  Stellenwert  in  der  Gesellschaft  zu  verschaffen.“
  Das  Kriterium  der  Selbsteinschätzung  ist  sicher  von  Bedeutung;  Skepsis
ist  freilich  angebracht.  Diese  Selbsteinschätzung  ist  durch  materielle  Privilegien
beeinflußbar  und  sollte  durch  eine  Bedingung  abgesichert  sein:  durch  die  nachgewiesene
  aktive  ladinische  Sprachkompetenz.  Dies  scheint  mir  die  Achillesferse
  von  verschiedenen  Statistiken  zu  sein:  die  nachgewiesene  aktive  Sprachkompetenz
  und  die  Sprachverwendung  in  der  Familie.  Nicht  ohne  Grund  hat
vermutlich  bei  der  Enquête  Born  (1992,  168)  ein  Befragter  im  Fassatal  folgendermaßen
  geantwortet:  „Ich  würde  alle  Ladinischlehrer  vom  Schuldienst  suspendieren,
  die  in  ihren  eigenen  Familien  mit  ihren  Kindern  nicht  ladinisch
sprechen.“
Wenn  wir  aktive  und  passive  Sprachbeherrschung  als  Maßstäbe  akzeptieren,  hat
der  Sprachwissenschaftler  sichere  Beurteilungsgrundlagen.  Selbsteinschätzung
des  Sprach-  und  Kulturbewußtseins  sind  hingegen  vage,  durch  Massenmedien
und  Politik  beeinflußbare  Größen.  Ich  zitiere  Reinhard  Olt:  „Das  Selbstbewußtsein
  der  Ladiner  bestätigte  sich  bei  der  Volkszählung  von  1981.  In  der  Provinz
Bozen  erklärten  sich  90  Prozent  der  Gadertaler  und  Grödner  als  Ladiner.  Das
sind  17.700  Personen  (gegenwärtiger  Stand:  18.000;  insgesamt  gibt  es  35.000
Ladiner)  und  entspricht  einer  Zunahme  von  14  Prozent  seit  der  Zählung  von
1971.“  Diese  Zahlen  sind  aufschlußreich.  Es  scheint,  als  ob  die  Zahl  der  aktiven
  Sprecher  abnimmt,  daß  aber  die  Zahl  derer,  die  sich  durch  Selbsteinschätzung
  als  Ladiner  einstufen,  zunimmt.  Bereits  1981  hat  Johannes  Kramer  geschrieben:
  „Die  Massenmedien  haben  den  einfachsten  ladinischen  Bauern  davon
überzeugt,  eine  „uralte“  Sprache  zu  sprechen,  die  beileibe  nichts  mit  der  verachtenswerten
  Sprache  der  „Katzelmacher“  zu  tun  hat.“  Kramer  (Holtus/Kramer
  1987,  615)  schätzt  vermutlich  die  Lage  realistisch  ein,  wenn  er  feststellt,
daß  der  effektive  Rückgang  der  Verwendung  des  Ladinischen  als  Umgangssprache
  von  niemandem  bestritten  wird,  und  wenn  er  schreibt:  „Ob  sich  allerdings
  in  diesen  steigenden  Zahlen  mehr  ausdrückt  als  ein  steigendes  Selbstbewußtsein,
  ist  sehr  die  Frage:  Auf  der  Straße  in  St.  Ulrich  ist  Ladinisch  sicher
nicht  die  Sprache,  die  man  am  häufigsten  hört,  und  lokale  Politiker  haben  genügend
  Schwierigkeiten,  sich  -  meist  anläßlich  bevorstehender  Wahlen  -  in
passablem  Ladinisch  auszudrücken.“  „Die  Funktionäre  der  Ladinerverbände
und  andere  „Berufsladiner“  sowie  eine  gewisse  Minoritätenmode  haben  es  allerdings
  geschafft,  den  Rückgang  der  ladinischen  Sprache  durch  eine  Steigerung
  des  „ladinischen  Bewußtseins“  zu  vernebeln.  Eine  zahlenmäßig  äußerst

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