Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

(senkrecht  schraffiert  und  mit  Ila  markiert)  billige  ich  den  Sprachenstatus  noch
nicht  zu.3  Wenn  man  auf  der  Karte  3  die  sporadisch  senkrecht  schraffierten
Zonen  westlich  von  Bozen  und  Trient  betrachtet,  so  stellt  man  Übergangszonen
fest,  die  ebenfalls  zentralladinische  Sprachmerkmale  aufweisen,  z.B.  in  Nonsberg
  (Val  di  Non)  und  Sulzberg  (Val  di  Sole).  Als  ich  -  von  rein  sprachlichen
Kriterien  ausgehend  -  in  einer  Buchbesprechung  die  ketzerische  Frage  stellte,
ob  denn  die  Einwohner  dieser  Zonen  nicht  vielleicht  auch  als  Ladiner  angesehen
  werden  sollten  und  den  Minderheitenschutz  beanspruchen  könnten,  wurde
mir  unwirsch  empfohlen,  ich  solle  mich  auf  die  Beschreibung  sprachlicher
Fakten  beschränken  und  auf  sprachpolitische  Anspielungen  verzichten.
Ein  Vergleich  der  Karten  1  -  4  zeigt  augenfällig,  daß  bereits  die  Kartierung
sprachlicher  Fakten  durch  sprachpolitische  Überlegungen  bewußt  oder  unbewußt
  beeinflußt  sein  kann.  Die  historische  Problematik  des  20.  Jhs.  wird  deutlich,
  wenn  wir  die  österreichische  Staatsgrenze  vor  1919  (Karte  5)  daneben
halten:  das  sog.  ladino  atesino  gehörte  zum  Tirol,  das  ladino  cadorino  (ausgenommen
  Cortina  d’Ampezzo)  zu  Italien.  Die  heutige  unterschiedliche  Privilegierung
  geht  auf  die  historische  Trennungslinie  vor  1919  zurück,  d.h,  heutige
sprachpolitische  Fakten  haben  ihre  historischen  Wurzeln.  Reinhard  Olt  schrieb
zu  Recht:  „Bis  zur  gewaltsamen  Scheidung  Südtirols  von  Tirol  1919  waren  sie
[die  „Ladiner“]  treue  Bürger  und  Habsburger  Untertanen.“  Die  historischen
Grundlagen  sind  für  das  Verständnis  der  sprachpolitischen  Konstellation  der
Gegenwart  unabdingbar;  ich  zitiere  wiederum  Reinhard  Olt:  „1918  hatten  die
Ladiner  Selbstbestimmung  verlangt,  in  der  Absicht,  bei  Tirol  zu  verbleiben.
Auf  zahlreichen  Kundgebungen  erklärten  sie  sich  als  „eigenständige  Volksgruppe
  mit  eigener  Sprache“.  Um  die  Bergbewohner  „zu  zähmen“,  die  behaupteten,
  Ladiner  „sind  keine  Italiener,  sondern  ein  Volk  für  sich“,  teilten
Mussolinis  Faschisten  deren  Heimat  auf  und  gliederten  Ampezzo  und  Buchenstein
  1923  ungeachtet  der  ständigen  Proteste  der  Bevölkerung  der  Provinz  Belluno
  an.  Das  Fassa-Tal  wurde  1927  der  Provinz  Trient  einverleibt.  Nachdem
alle  Zwänge,  die  Ladiner  zu  assimilieren,  fehlgeschlagen  waren,  wurde  die  ladinische
  Volksgruppe  als  fremdstämmig,  als  nichtitalienisch  erklärt.“
Es  ist  unbestreitbar,  daß  die  faschistische  Regierung  nach  dem  Prinzip  divide  et
impera  verfahren  ist  und  das,  was  sprachlich  und  kulturell  zusammengehörte,
auseinandergerissen  hat.  Die  Folgen  dieser  nach  Flußsystemen  erfolgten  Aufteilung
  wirken  bis  heute  nach.  In  der  Gegenwart  erleben  wir  auf  einer  anderen
Ebene  -  Dialekt/Dachsprache  -  eine  ähnliche  Sprachspaltung.
Ich  zitiere  Johannes  Kramer  (1981,  158):  „Aus  politisch-kulturellen  Gründen
wird  ein  kleiner  Dialektkomplex  (Dolomitenladinisch)  von  der  ihm  am  nächsten
  stehenden  Nationalsprache  (Italienisch)  abgetrennt,  und  durch  die  Fiktion,

Weder  das  Gadertalische  noch  das  Grödnerische  haben  eine  jahrhundertealte  Tradition  als
lokale  Schriftsprache,  wie  sie  z.  B.  das  Surselvische  oder  Engadinische  kennen.

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