Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Abb.  4  Abb.  5
Ein  Blick  auf  Karte  3  +  4  zeigt  augenfällig  ein  weiteres  Problem:  die  drei
schraffierten  Räume  (I  Bündnerromanisch,  II  Dolomitenladinisch,  III  Friaul)
illustrieren  die  drei  Hauptvarietäten  des  sog.  Rätoromanischen.  Diese  Karte  will
eine  ehemals  zusammenhängende  sprachliche  Einheit  suggerieren.  Bei  dieser
Klassifizierungsfrage,  der  sog.  questione  ladina,  scheiden  sich  die  Geister.  Zusammen
  mit  Gian  Battista  Pellegrini  und  Johannes  Kramer  bin  ich  der  Überzeugung,
  daß  diese  schraffierten  Räume  eine  sprachliche  Randzone  der  Gallia
Cisalpina  darstellen,  das  heißt:  für  die  Zeit  vor  dem  Jahre  1000  müßte  man  die
ganze  Poebene  auch  schraffiert  einzeichnen  (cfr.  Pfister  1995).  Wenn  sich  nun
der  Raum  I  zum  Bündnerromanischen,  zu  einer  eigenen  Sprache,  entwickeln
konnte,  sind  vor  allem  historische  und  kirchenpolitische  Gründe  daran  schuld,
z.B.  die  Loslösung  Graubündens  vom  Erzbistum  Mailand  und  die  Angliederung
an  das  Erzbistum  Mainz  zur  Karolingerzeit,  die  Herausbildung  zu  einer
Schriftsprache  zur  Zeit  der  Reformation  (Bifrun)  und  die  Anerkennung  des
Bündnerromanischen  als  4.  schweizerische  Landessprache  im  Jahre  1938.  Das
Friulanische  (III)  betrachte  ich  sowohl  aus  historischen  Gründen  (Regio  Augustea
  X),  als  auch  aus  religiösen  Gegebenheiten  (Patriarchat  Aquileia)  sowie
aufgrund  der  literarischen  Quellen  seit  dem  Spätmittelalter  als  eigene  romanische
  Sprache.  Dem  auf  Karte  3  eingezeichneten  Gebiet  des  ladino  atesino

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