vor allem die Schule, in der Deutsch noch die hauptsächliche Instrumentalsprache
ist, des weiteren das minderheitsspezifische Vereinswesen und bemerkenswerterweise
die Kirche, in der noch vorherrschend - zu 83 % - Deutsch gesprochen
wird; in dieser Domäne treten Spnderjysk und Dänisch in einem Ausmaße
zurück wie in keiner sonstigen sozialen Beziehung, obwohl ein konfessioneller
Gegensatz zur übrigen Bevölkerung fehlt. - Nach allem wird verständlich,
daß Deutsch auch als gesprochene Sprache nördlich der Grenze kein ausdifferenziertes
Varietätenspektrum (Register) entwickelt: Die weithin privatisiert
gebrauchte Standard Varietät vergleicht sich insofern einer Buchsprache
ohne genetisch zugehörige Mundart, deren Stelle in funktionaler Hinsicht das
Spnderjysk einnimmt. Ähnlich wie für die sprachliche Situation südlich der
Grenze gilt auch für dieses Sprachgemeinschaftsmodell, daß nationales Bekenntnis,
ethnokulturelles Bewußtsein und Sprachenwahl nicht unbedingt übereinstimmen.
Die strikte Deckungsgleichheit von Sprache und nationaler Identität
wird im Grenzraum mitunter ebensowenig akzeptiert wie die Staatengrenze
selbst.
V
Zusammenfassend bleibt festzuhalten: In diesem Grenzraum, der das alte Herzogtum
Schleswig in den zum heutigen Bundesland Schleswig-Holstein gehörenden
Landesteil Schleswig (= Südschleswig) und Spnderjyllands Amt (=Nordschleswig)
trennt, werden weiterhin noch fünf Sprachen in unterschiedlichem
Umfang gesprochen: die drei Volkssprachen Niederdeutsch, Spnderjysk
und Nordfriesisch (davon die letzteren beiden in autochthonen Sprachgebieten)
sowie die später hinzugekommenen Kultursprachen Hochdeutsch und Reichsdänisch,
die als einzige in ihrem Geltungsbereich sämtliche Sprachdomänen besetzen.
Die jahrhundertelange gemeinsame Geschichte dieser Sprachen hat zu
Konvergenzen geführt, die das Areal zu einer Art Sprachenbund machten.
Die grenzüberschreitenden nationalen Minderheiten der ,Nord-‘ und ,Südschleswiger/Südjüten4
bilden inzwischen keine exklusiv eigenständigen Sprachgemeinschaften
mehr, sie sind viel eher als Gewissens- bzw. Überzeugungsgruppen
aufzufassen; sämtliche Volksgruppen (Ethnien) sind mehrsprachig, ein
Phänomen, das sich bis ins späte Mittelalter hinein zurückverfolgen läßt: Zweisprachigkeit
war seit jeher ein Charakteristikum der städtischen Marktorte, in
dem sich der soziale Gegensatz der Bevölkerungsschichten - privilegiert vs.
unterprivilegiert, Stadt vs. Land usw. - spiegelte. Seinen Ausgangspunkt findet
die Mehrsprachigkeit im sprachlichen Prestige und funktionalen Mehrwert des
Niederdeutschen, das früh als Schreib- oder Verkehrssprache im friesischen und
später dann auch jütischen Sprachgebiet übernommen wurde. Mit dem Deutschen,
sowohl dem Niederdeutschen als auch dem Hochdeutschen, war in diesem
Raum seit jeher das Prädikat ,Kultursprache‘ verbunden, was sich bis in
die Gegenwart hinein in der starken Nachfrage nach deutschen Sprachkenntnissen
über die Grenze hinweg äußert.
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