Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

Sprache und/oder Kultur (sog. Heimdeutsche).27 Sie beruht auf einer Willens¬ 
entscheidung des Einzelnen (Individuum), die freiwillig und jederzeit widerruf- 
bar ist, was übrigens gleichermaßen auch für die Kulturdänen südlich der 
Grenze gilt. Aufgrund dieses Merkmals ist es möglich, die Minderheitsangehö¬ 
rigen in drei Kategorien von Personenkreisen einzuteilen: 
1. Deutsche, d.h. Personen mit dem politischen und kulturellen Bekenntnis zu 
Deutschland und der Selbsteinschätzung als Angehörige einer nationalen und 
sprachlichen Minderheit, 
2. Dänen deutscher Sprache, Personen mit dem politischen Bekenntnis zu Dä¬ 
nemark, aber der Selbsteinschätzung als Angehörige einer sprachlichen Minder¬ 
heit, und 
3. Dänen, die sich politisch und kulturell Dänemark zugehörig fühlen. 
Diese Selbsteinschätzungskategorien repräsentieren gleichzeitig drei Entwick¬ 
lungsstufen von Einstellungen, die von einem gemeinsamen Anfangszustand 
ausgehen, in dem sich die Gruppe ausschließlich als nationale und sprachliche 
Minderheit auffaßte. Sie geben in der vorliegenden Abfolge auch die Einstel¬ 
lungen verschiedener Generationen wieder: Das Durchschnittsalter derjenigen, 
die sich vorzugsweise als Deutsche fühlen, liegt inzwischen mit ca. 70 Jahren 
um mehr als 10 Jahre über dem der beiden anderen Einstellungsgruppen (mit 
durchschnittlich ca. 55 Jahren). 
Was berechtigt nun aber, diese durch die Selbsteinschätzung definierte soziale 
Gruppe auch als sprachliche Minderheit zu fassen? Ihre Angehörigen sind in 
der Regel individuell mehrsprachig, d.h. sie beherrschen zu 76 % ohne 
Schwierigkeiten Hochdeutsch, Spnderjysk und Dänisch, ein Prozentsatz, der 
insbesondere in den jüngeren Jahrgängen ansteigt: Minderheitsangehörige im 
Alter von 16 bis 32 Jahren sprechen zu 91 % alle drei Sprachen; der Rest ist - 
mit Ausnahme von nur 3 % Einsprachigen - bilingual. Demgegenüber ist das 
bis 1920 als Verkehrssprache in Spnderjylland auch verbreitete Plattdeutsche 
mittlerweile auf situative und symbolische Sprechakte (z.B. in der Kulturszene) 
zurückgedrängt. 
Hinsichtlich der vorherrschenden Sprachenwahl gilt, daß über die Hälfte der 
Minderheitsangehörigen vorwiegend Spnderjysk sprechen, und dies sowohl bei 
formellen (öffentlichen) als auch bei informellen (privaten) Anlässen. Daraus 
ist der naheliegende Schluß gezogen worden, daß es sich bei der deutschen 
Minderheit keineswegs auch um eine deutschsprachige Minderheit im eigentli¬ 
27 Ich folge hier Zeh: Deutsche Sprachgemeinschaft (1982), von dem die jüngste Sprach- 
erhebung zur deutschen Volksgruppe stammt; die von ihm mitgeteilten Sprachdaten sind 
auf diese Erhebungszeit zu beziehen. Zur Lage der deutschen Sprache siehe des weiteren 
Willkommen: „Stellung der Kommunikation“ (1975), S. 133-156 und Hoyer: „Plattdä¬ 
nisch“ (1951); zur sprachrechüichen Situation s. Eriksen: „Fall“ (1986); zur Sprachge¬ 
schichte s. Clement: Dänische Schriftsprache (1869), Schütt (Anm. 20), Becker-Chri¬ 
stensen: Dansk mindretalspolitik (1984) und ders.: Det tyske mindretal (1990). 
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