Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

herein zum Scheitern verurteilt waren: Weder die territoriale (sprich: die ge¬ 
schichtliche) noch die ethnische (sprich: die sprachliche) Variante der Anwen¬ 
dung des Nationalstaatsprinzips waren durch ein Votum der betroffenen Bevöl¬ 
kerung legitimiert. Kriterium des staatlichen Zugehörigkeitsanspruchs bildete 
einzig und allein das ideell gedachte Territorium, soweit es ,die Geschichte be¬ 
zeugt4 und soweit ,die Zunge reicht4 (Kultur- bzw. Volksnation, nicht Staats¬ 
nation). Die Durchführung dieses Prinzips mußte mißlingen, weil ethnokul- 
turelle Identität und nationalstaatliche Willensbildung schlicht und einfach nicht 
übereinstimmten. 
Lösungen der ethnisch-sprachlichen Konflikte wurden daher vor allem in einer 
plebiszitären Grenzbestimmung gesucht, die sich zwar an objektiven Kriterien 
wie Sprache, Geschichte oder den hergebrachten Lebensformen (Brauchtum) 
orientiert, freilich aber den subjektiven Willen des Einzelnen, d.h. die frei, be¬ 
wußt und willentlich getroffene Selbstentscheidung, zum Tragen bringt. Diese 
plebiszitäre Variante des Nationalstaatsprinzips wurde schließlich im Versailler 
Vertrag (1920)22 mittels einer Volksabstimmung zur Geltung gebracht. Dem 
lag die Erwartung zugrunde, daß durch die Übereinstimmung von ethnischem 
Willen und nationalem Plebiszit in der Regel eine stabile, allseits akzeptierte 
Grenzziehung zu erreichen sei. Auch die Anwendung dieses Prinzips blieb 
letzthin jedoch erfolglos, weil es in den Ausführungsgrundsätzen den vielfälti¬ 
gen Orientierungen des Individuums nicht gerecht wurde. 
22 Siehe Anm. 15; des weiteren Becker-Christensen: Dansk mindretalspolitik (1984). 
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