Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Dieser  Zustand  änderte  sich  unversehens  durch  das  Aufkommen  nationalpolitischer
  Vorstellungen  und  Ideologien,13  die  seit  dem  frühen  19.  Jahrhundert
(,nationaler  Völkerfrühling4)  von  außen  in  den  Sprachraum  hineingetragen
wurden.  Mit  großer  Sorge  sah  man  in  Dänemark  den  Rückgang  der  jütischen
Volkssprache  in  Südschleswig.  Man  versuchte  daher,  den  Prozeß  durch  sprachpolitische
  Planungen  aufzuhalten,  die  vom  Grundsatz  geleitet  waren,  daß
Volkssprache  und  offizielle  Sprache  identisch  zu  sein  hätten.  Mehrere
Sprachinstruktionen,  die  sich  bezeichnenderweise  gerade  mit  der  Schulsprache
befaßten,  wurden  seitdem  erlassen.14  Diese  nationalstaatlichen  Regelungsversuche
  fanden  ihren  Höhepunkt  in  den  1851  erlassenen  dänischen  SprachreSkripten,
  die  mit  dem  verhüllten  Ziel  der  politischen  Redanisierung  das  landfremde
Reichsdänisch  in  den  Gebieten  als  Schul-  und  teilweise  auch  Kirchensprache
(nicht  jedoch  auch  als  Gerichtssprache)  festlegten,  in  denen  die  Bevölkerung
Jütisch  und  streckenweise  zudem  bereits  Plattdeutsch  sprach.  Der  Grundsatz,
daß  die  autochthone  Volkssprache  jeweils  auch  die  zugehörige  nationalsprachliche
  Standardvarietät  als  Dachsprache  erfordere,  erwies  sich  angesichts  der  althergebrachten
  sprachnationalen  Indifferenz  breiter  Sprecherkreise  als  nicht  umsetzbar.
  Bis  dato  hatte  der  Sprechsprach  Wechsel  sich  nach  und  nach  über  einen
längeren  Zeitraum  hin  vollzogen,  er  war  nahezu  unbemerkt  und  vor  allem  auch
freiwillig  erfolgt,  zumal  er  sich  als  nützlich  erwies.  Die  eingreifenden  staatlichen
  Sprachverfügungen  stießen  daher  auf  massive  Widerstände,  die  allerorten
heftige  Sprachenkämpfe  auslösten.  Große  Teile  der  Bevölkerung  Angelns  und
nachfolgend  dann  auch  Mittelschleswigs  wechselten  nun  erst  recht  zum  Niederdeutschen
  über.  Auf  planerischem  Wege  war  der  natürlich  verlaufende  Sprachverlagerungsprozeß
  schon  deswegen  kaum  rückgängig  zu  machen,  weil  dieser
sich  letztlich  als  eine  über  Jahrhunderte  anhaltende  Kulturbewegung  darstellt.
Diese  nahm  ihren  Ausgang  im  funktionalen  Mehrwert  des  Niederdeutschen,
dessen  Vordringen  in  jüngster  Zeit  dann  schließlich  durch  das  Hochdeutsche
unterlaufen  wurde.

13  Zur  nationalpolitischen  Sprachauffassung,  die  Sprache  nicht  als  Gegenstand,  sondern  als
Instrument  betrachtete,  s.  unter  anderem  Coulmas:  Sprache  und  Staat  (1985),  S.  41-90
und  die  bei  Wimmer  (Hrsg.):  Das  19.  Jahrhundert  (1991),  S.  95-184  abgedruckten  Beiträge
  (zur  Sprachpolitik  gegenüber  fremdsprachigen  Minderheiten);  des  weiteren:  Bockh:
Volkszahl  (1870),  S.  1-18  (zum  Nationalitätenprinzip)  und  S.  49-56  bzw.  S.  219-224
(zu  den  Sprachverhältnissen/-zählungen  im  deutsch-dänischen  Grenzraum);  Weriauff/
Outzen:  Priisskrifter  (1819);  Kohl:  Deutsche  und  dänische  Nationalität  (1847);  Kauffmann:
  Deutsch  oder  Dänisch  (1923).  -  Zum  Aufkommen  eines  dänischen  Sprachbewußtseins
  bzw.  Selbstbehauptungswillens  s.  Runge:  „Dänische  Minderheit“  (1993),  S.
83f„  zum  friesischen  Sprachpatriotismus  s.  Nickelsen:  Sprachbewußtsein  (1982).
14  Scharff:  „Sprachpolitik  in  Mittelschleswig“  (1966);  Ders.:  „Zu  den  Anfängen“  (1970);
Bracker:  „Die  dänische  Sprachpolitik“  (1972/73);  Rohweder:  Sprache  und  Nationalität
(1976);  Runge:  „Dänische  Minderheit“  (1993),  S.  83f.

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