Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Im  Vergleich  zur  Vorkriegssituation  hat  das  Deutsche  alle  Funktionen,  die  in
irgendeiner  Weise  plakativ  sind  oder  mit  der  nationalen  Identität  der  Luxemburger
  zu  tun  haben,  an  das  Französische  und  zunehmend  an  das  Letzebuergesche
  abtreten  müssen:  Öffentliche  Beschriftungen  einschließlich  Orts-  und  Straßenschilder,
  Familienanzeigen,  Visitenkarten,  Ansprachen  anläßlich  nationaler
Gedenktage  usw.  gibt  es  nicht  in  deutscher  Sprache.  Zunächst  trat  hier  das
Französische  ein,  und  seit  ungefähr  zwanzig  Jahren  läßt  sich  in  diesen  Bereichen
  eine  zunehmende  Hinwendung  zum  Letzebuergeschen  beobachten,  dessen
schriftliche  Verwendung  ansonsten  nicht  besonders  beliebt  ist.  11  Der  schriftliche
  Bereich  ist  weitgehend  eine  Domäne  der  deutschen  Schriftsprache:  Die  führende
  Sprache  der  Tages-  und  Wochenpresse  ist  das  Deutsche,  die  meisten
Luxemburger  präferieren  deutsche  Bücher,  wenn  man  selber  schreibt  (Briefe,
Notizen  usw.),  fällt  die  Wahl  meistens  auf  das  Deutsche.11 12  Einschränkend  ist
zu  sagen,  daß  mit  steigendem  formalem  Bildungsgrad  das  Französische  immer
beliebter  wird:  Besonders  Personen,  die  an  belgischen  oder  französischen  Universitäten
  studiert  haben,  bevorzugen  oft  die  französische  Schriftsprache.  Im
mündlichen  Bereich  steht  eindeutig  das  Letzebuergesche  an  erster  Stelle:  Die
Verwendung  des  Französischen  unter  Luxemburgern  wird  immer  seltener,  wobei
  allerdings  zu  bedenken  bleibt,  daß  bei  einem  Ausländeranteil  von  fast  30%
das  Französische  eine  wichtige  Rolle  beibehält;  das  Deutsche  wird  mündlich
vor  allem  dann  verwendet,  wenn  Deutsche  am  Gespräch  teilnehmen,  außerdem
hat  es  seine  Rolle  als  Kirchensprache  trotz  zunehmender  Konkurrenz  durch  das
Letzebuergesche  bislang  bewahren  können.  Die  Tatsache,  daß  es  seit  den  siebziger
  Jahren  ein  inzwischen  ganztägiges  Radioprogramm  und  seit  dem  Ende  der
achtiger  Jahre  ein  tägliches  zweistündiges  Fernsehprogramm  gibt,  hat  das  Letzebuergesche
  auch  zu  einer  Mediensprache  werden  lassen;  die  Tatsache,  daß
auch  Weltnachrichten  auf  Letzebuergesch  gesendet  werden,  trägt  nicht  wenig
zum  Sprachausbau  bei.
In  der  Einschätzung  der  Luxemburger  genießt  eindeutig  das  Französische  das
höchste  Prestige:  Es  ist  die  feierliche  Sprache  der  Außenkontakte,  deren  Verwendung
  im  Inneren  anzeigt,  daß  es  um  eine  ernste,  kulturvolle  und  auf  Dauer
angelegte  Angelegenheit  geht,  in  unserem  Schema  also  A.  Obwohl  das  Deut¬11

  Im  April  1994  schwankte  der  Anteil  deutscher  Artikel  in  den  drei  größten  Tageszeitungen
Luxemburgs  zwischen  etwa  70%  und  85%  (Luxemburger  Wort:  71,88%;  Tageblatt
77,15%;  Zeitung  84,1%),  französische  Artikel  machen  zwischen  15%  und  30%  aus
(Luxemburger  Wort:  21,35%;  Tageblatt  29,25%;  Zeitung  13,63%)  und  letzebuergesche
Beiträge,  ausschließlich  lokalen  Themen  gewidmet,  bleiben  erheblich  unter  10%  (Luxemburger
  Wort  6,77%;  Tageblatt  3,6%;  Zeitung  2,27%).  Angaben  nach:  ,,D’  Letzebuerger
Sprooch  an  eisen  Dageszeitungen”,  Tageblatt  vom  21.  Mai  1994,  Beilage  „Presse  ä
l’ecole”.
12  Vielleicht  etwas  übertrieben,  aber  jedenfalls  sehr  pointiert  wird  der  Sachverhalt  ausgedrückt
  von  Hoffmann  1981,  S.  89:  „Letzebuergesch  liest  niemand  gern.“

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