Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

xemburgische Identität heute so gefestigt und selbstverständlich ist wie bei je¬ 
der großen europäischen Nation. 
Es wurde soeben darauf verwiesen, daß die französisch-deutsche Sprachgrenze 
1831/1839 die Richtschnur für die Ziehung der belgisch-luxemburgischen 
Grenze abgegeben hat; unangetastet blieb aber die Rolle des Französischen als 
Prestigesprache und als Rechtssprache (Calmes/Bossaert 1994, 221-222). Da¬ 
mals ordnete man ganz selbstverständlich die moselfränkischen Mundarten 
Luxemburgs der deutschen Sprache zu, und man sprach auch allgemein von 
Lëtzebuerger DäitschP Das blieb während des ganzen 19. Jh. im wesentlichen 
so, und poetische Lobeshymnen auf eis Sprooch sind eher im Kontext der 
überall im deutschen Sprachraum verbreiteten romantischen Apostrophierung 
der Einmaligkeit der bodenständigen Mundart zu sehen und sollten jedenfalls 
nicht von vomeherein als frühe Zeugnisse eines echten Eigensprachlichkeitsbe- 
wußtsein gedeutet werden - Einzelfälle gab es natürlich. Freilich, eine auffäl¬ 
lige Blüte der Schriftstellerei im eigenen Idiom ist in der zweiten Hälfte des 19. 
Jh. durchaus zu verzeichnen (Hoffmann 1964), und ganz selbstverständlich ver¬ 
suchen sich alle Autoren daran, praktische Lösungen für die Umsetzung der 
Luxemburger Lautung in die Schrift zu ersinnen; daß hierbei normalerweise 
die im Lande geläufigen Orthographien, also die deutsche und die französische, 
Pate standen, spricht von selbst. Daß es am Ende des 19. Jh. noch kein verbrei- 
tetetes Eigensprachlichkeitsbewußtsein gab, läßt sich deutlich daran ablesen, 
daß 1896 der Gebrauch des dialecte im Parlament untersagt wurde, nachdem 
ein Abgeordneter seine Antrittsrede im Heimatidiom gehalten hatte (Hoffmann 
1979, 35). Je stärker man aber im Vorfeld des Ersten Weltkrieges und dann 
natürlich im Hinblick auf die Besetzung von 1914 bis 1918 den großen deut¬ 
schen Nachbarn, allgemein Preisen genannt* 10, als Bedrohung empfand, desto 
deutlicher wurde der Wunsch, die Unterschiede so deutlich wie möglich her¬ 
vortreten zu lassen, also beispielsweise auch die sprachliche Besonderheit zu 
unterstreichen. So wurde 1912 ein Schulfach „Luxemburgisch” eingerichtet: 
René Engelmann erarbeitete in diesem Zusammenhang im Aufträge der 
Luxemburger Regierung eine im wesentlichen an die deutsche Orthographie 
angelehnte, aber mit gewissen französischen Anleihen (Akzente zur Andeutung 
des Vokalöffnungsgrades) ausgestattete Standardisierung der Schreibung, und 
diese wurde in den Schulbüchern von Nikolaus Weiter verwendet (Engelmann- 
Welter-Orthographie). Allerdings blieb es bis zum Zweiten Weltkrieg dabei, 
daß die einheimische Sprachform in der Öffentlichkeit und im schriftlichen Be¬ 
reich nur eine marginale Rolle spielte: Beherrschend blieben das Französische 
und das Deutsche, die nach Artikel 30 der Verfassung von 1848 fakultativ ver¬ 
wendet werden konnten; das Lëtzebuergesche erhielt eine juristische Anerken¬ 
nung dadurch, daß noch kurz vor dem Zweiten Weltkrieg seine Beherrschung 
zur Voraussetzung der Verleihung der Staatsbürgerschaft gemacht wurde. Das 
y Luxemburger Wörterbuch 1, Luxemburg 1950-1954, S. 189. 
10 Luxemburger Wörterbuch 3, Luxemburg 1965-1970, S. 381. 
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