Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Kraft  trat.6  Grundsätzlich  wird  von  drei  „Volksgruppen”  ausgegangen,  und  alle
Stellen  im  öffentlichen  Sektor  müssen  nach  dem  „Proporz”  besetzt  werden,  d.h.
die  Stellen  müssen  nach  der  prozentualen  Stärke  der  Volksgruppen  vergeben
werden  (Peterlini  1980).7  Im  kulturellen  Bereich  genießen  die  Ladiner  Eigenständigkeit:
  Es  gibt  ein  eigenes,  von  der  Provinz  finanziell  unterstütztes
Kulturinstitut,  eine  Wochenzeitung,  Sendungen  im  Rundfunk  und  (in  sehr
bescheidenem  Maße)  im  Fernsehen  usw.
Im  Schulwesen  haben  die  ladinischen  Täler  eine  Sonderstellung:  Sonst  gibt  es
in  Südtirol  nur  rein  deutschsprachige  Schulen  mit  dem  Fach  Italienisch  und
rein  italienischsprachige  Schulen  mit  dem  Fach  Deutsch,  aber  im  Gadertal  und
in  Gröden  gibt  es  die  sogenannte  „paritätische  Schule”,  in  der  ungefähr  die
Hälfte  der  Fächer  auf  deutsch,  die  Hälfte  auf  italienisch  unterrichtet  wird;  das
Ladinische  wird  von  der  ersten  bis  zur  vierten  Klasse  in  Stufe  für  Stufe  abnehmendem
  Maße  als  Unterstützungssprache  eingesetzt  und  ist  außerdem  als  Fach
mit  einer  Wochenstunde  vertreten.  Die  Lehrer  der  ersten  vier  Klassen  müssen
ladinischer  Muttersprache  sein,  während  von  da  an  die  Lehrer  normalerweise
der  Sprachgruppe  angehören,  in  der  das  jeweilige  Fach  unterrichtet  wird;  Einheimische
  dürfen  in  dieser  Schulstufe  sowohl  für  die  italienisch  als  auch  für  die
deutsch  unterrichteten  Fächer  eingesetzt  werden  (Vittur  1985).
Im  Falle  von  Gröden  haben  wir  es  mit  einer  Situation  zu  tun,  in  der  der  fortschreitende
  Ausbau  der  einheimischen  Sprachform  B2  und  das  Vorhandensein
expliziter  Gesetzesbestimmungen  an  den  faktisch  bestehenden  Verhältnissen
zwischen  den  Prestigesprachen  Deutsch  (A)  und  Italienisch  (B^  und  der  Ausbausprache
  Grödnerisch  (B2)  nur  wenig  geändert  haben:  Immer  noch  bedient
man  sich  in  der  Öffentlichkeit  meistens  der  einen  oder  der  anderen  großen
Sprache,  und  immer  noch  ist  die  öffentliche  Verwendung  des  Grödnerischen
eher  plakativer  Art;  obwohl  man  das  Recht  hat,  überall  die  eigene  Sprachform
zu  verwenden,  wird  dieses  in  der  Praxis  nicht  sehr  häufig  in  Anspruch  genommen,
  und  nur  eine  kleine  intellektuelle  Minderheit  schreibt  grödnerisch  -  die
Existenz  eines  gut  gemachten  ladinischen  Wochenblattes  regt  allerdings  immer
mehr  Menschen  wenigstens  zum  Lesen  an.  Auf  gar  keinen  Fall  kann  man  sagen,
  daß  der  Ausbau  des  Grödnerischen  das  Italienische  zurückdrängt,  sondern
wenn  schon,  dann  eher  das  Deutsche.  Der  Grund  liegt  wohl  darin,  daß  Deutsch
und  Grödnerisch  sich  gemeinsam  in  den  Bereich  des  Wir-Gefühls  teilen
müssen,  während  das  Italienische  als  Auswärts-Sprache  empfunden  wird.  Die
Gemeinsamkeiten  zwischen  Grödnerisch  und  Italienisch  werden  möglichst  nicht

Dekret  Nr.  670  des  Präsidenten  der  Republik  vom  31.  8.  1972  (deutscher  Text
abgedruckt  in:  Reinhold  Staffier  /  Christoph  von  Hartungen:  Geschichte  Südtirols,  Lana
1985,  S.  228-230).
Der  Proporz  bringt  für  die  Ladiner  den  Ausschluß  von  manchen  Ämtern  mit  sich,  die
angesichts  der  Zahlenverhältnisse  nur  für  Angehörige  der  beiden  „großen  Volksgruppen”
zugänglich  sind.

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