Réunion beim Wiener Kongreß 1815 Frankreich zugesprochen wurde. Seit
1976 sind die Seychellen ein unabhängiger Staat.
Nach der Volkszählung von 1971 sprechen 97, 4 % der Bevölkerung Kreolisch
als Muttersprache, und man darf wohl sagen, daß es keine Einheimischen gibt,
die kein Kreolisch sprechen. Während der britischen Kolonialzeit war Englisch
selbstverständlich die einzige offizielle Sprache und die Sprache der auf der Insel
stationierten Briten; das Französische hatte sich seine Rolle als Bildungssprache
und als Sprache der katholischen Kirche bewahren können und war für
die schmale Gruppe weißer Siedler, les Grands Blancs, die Muttersprache; das
Kreolische war schriftlose Alltagsumgangssprache der farbigen Bevölkerung.
Nach der Unabhängigkeit verließen fast alle Briten die Insel, aber das Englische
blieb die erste Amtssprache; im September 1976 wurde das Französische zur
zweiten Amtsprache erhoben (bilingualisme équilibré). Nachdem ein Staatsstreich
1977 eine linksgerichtete Regierung ans Ruder gebracht hatte, wurden
die Bemühungen intensiviert, das einheimische Kreolische zu verschriften und
in immer weiteren Domänen zu verwenden. Diese Politik trug schnell Früchte:
1979 wurde ein Komite Kreol gegründet, das eine offiziöse Orthographieregelung
verabschiedete, und in der Verfassung von 1981 wurde das Kreolische zur
ersten Nationalsprache erklärt; zweite Nationalsprache ist das Englische, dritte
das Französische.
Die praktischen Folgen dieser Sprachpolitik sind vor allem im Bildungssektor
unübersehbar: Bis dahin war Englisch in den Schulen von der ersten Klasse an
Unterrichtssprache, was zur Folge hatte, daß ein Großteil der Schüler kaum etwas
verstand. Seit 1981 ist in den ersten vier Klassen das Kreolische Unterrichtssprache;
in der zweiten Klasse setzt der Unterricht des Englischen als Fach
ein, in der vierten der des Französischen. In den oberen Klassen werden die
meisten Fächer auf Englisch unterrichtet; Kreolisch und Französisch bleiben
Fächer, wobei das Kreolische auch Unterrichtssprache in heimatbezogenen Fächern
(wie z. B. politische Bildung) bleibt. Wir haben es also mit einem System
zu tun, in dem die einheimische Sprachform (B2), die die Anfangsstufe
der schulischen Bildung ausmacht, zunehmend ersetzt wird durch die fremde
Prestigesprache (A), während die der einheimischen Sprache verwandte
Prestigesprache (B]) nur noch als Fach geduldet ist, aber in keinem Bereich die
Unterrichtssprache stellt.
Außerhalb des schulischen Sektors bahnt sich eine Situation an, in der das
Kreolische zur einzigen Sprache des mündlichen Bereiches wird, von Gottesdiensten
über Parlamentsdebatten und Rundfunk- sowie Fernsehprogrammen
bis hin zur Alltagskommunikation, während sich den schriftlichen Bereich das
Englische und das Französische etwa im Verhältnis zwei Drittel zu ein Drittel
untereinander aufteilen und dem Kreolischen nur eine Randexistenz bleibt: Es
gibt eine bescheidene Literatur, die primär aus Volkserzählungen, Kinderbüchern
und einigen Übersetzungen besteht, und es gibt gelegentlich Zeitungsarti¬124