Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

lieh  mit  den  Träumen  der  Separatisten  wenig  zu  tun:  Für  nahezu  alle  Korsen,
die  jünger  als  dreißig  Jahre  sind,  ist  das  Französische  inzwischen  die  eigentliche
Muttersprache,  während  das  Korsische,  wenn  überhaupt,  nach  der  Kindheit  und
auch  meist  mit  eingeschränkter  Kompetenz  erlernt  wird;  die  emotionale  Hochschätzung
  des  Korsischen  ist  allerdings  ausgeprägt  genug,  um  völlige  Aufgabe
zu  verhindern,  denn  a  lengua  corsa  ist  ein  wichtiger  Bestandteil  der  Identitätsmerkmale
  (Goebl  1988;  Vetter  1991,  24—54).
Wie  ist  es  nun  um  die  juristische  Stellung  der  Sprachen  in  Korsika  bestellt?
Wie  überall  in  Frankreich  ist  das  Französische  die  in  allen  Domänen  vorgeschriebene
  Erstsprache,  also  natürlich  auch  die  Schul-,  Verwaltungs-  und  Gerichtssprache;
  es  ist  auch  einzige  Kirchensprache.  Das  Italienische  hat  keinerlei
Funktion.  Seit  den  siebziger  Jahren  gibt  es  immerhin  einige  Gesetzgebungsmaßnahmen,
  die  dem  Korsischen  eine  bescheidene  offizielle  Rolle  zusichem:
Das  Korsische  ist  seit  1974  Wahlfach  an  weiterbildenden  Schulen  und  wird  seit
1975  auch  an  der  Universität  Corte  unterrichtet.  Seit  1982  gibt  es  an  allen
Schulen  und  auch  in  der  Vorschule  fakultativen  Korsischunterricht,  und  auch  in
der  Erwachsenenbildung  werden  zahlreiche  Kurse  angeboten  (Vetter  1991,  51).
Der  von  den  Autonomisten  z.  T.  gewalttätig  eingeforderte  Gebrauch  des  Korsischen
  in  der  Sphäre  der  offiziellen  Öffentlichkeit  (Hofstätter  1991,  164-165)
ist  hingegen  nicht  vorgesehen.  Grundsätzlich  wird  Korsika  also  als  integrierter
Teil  des  Geltungsbereiches  der  französischen  Sprache  behandelt,  und  es  gibt
lediglich  einige  Zugeständnisse  an  das  Korsische  auf  schulisch-kulturellem  Gebiet;
  von  einer  juristisch  abgesicherten  Zweisprachigkeit  kann  nicht  die  Rede
sein  (Goebl  1988,  834).
Die  Dominanz  von  A,  das  nahezu  völlige  Verschwinden  von  und  die  eher
plakativ-ideologischen  als  kommunikativen  Bedürfnissen  nachkommende  Rolle
von  B2  haben  in  Korsika  eine  gemeinsame  Ursache:  B^,  also  die  Traditionsschriftsprache
  Italienisch,  hat  sich  als  insofern  als  Bedrohung  gezeigt,  als  sie  als
Argument  für  die  von  kaum  jemandem  gewünschte  Einverleibung  in  den  italienischen
  Staatsverband  ins  Feld  geführt  wurde;  die  Konsequenz  daraus,  nämlich
  der  Ausbau  der  einheimischen  Sprachformen  zu  einer  vom  Italienischen
unabhängigen  Schriftsprache  B2,  kam  insofern  zu  spät,  als  A,  das  Französische,
bereits  zur  Muttersprache  der  maßgeblichen  Schichten  geworden  war,  so  daß
die  schließlich  erfolgten  gesetzlichen  Bestimmungen  zur  Förderung  von  B2  nur
noch  dessen  plakative  Funktion  stärken  konnten,  aber  nicht  mehr  ernsthaft  den
Vormarsch  von  A  aufzuhalten  in  der  Lage  waren.  Für  Korsika  zeichnet  sich
eine  sprachliche  Zukunft  ab,  wie  sie  heute  in  Irland  Realität  ist:  Die  einheimische
  Sprachform  ist  nur  noch  in  einigen  verkehrsabgewandten  Zonen  muttersprachlich
  verankert,  aber  es  herrscht  ein  breiter  gesellschaftlicher  Konsens
über  die  Notwendigkeit,  sie  als  wichtiges  Merkmal  der  eigenen  Identität  ohne

(FLNC),  die  eine  Fortsetzung  der  besonders  durch  Anschläge  auf  Fährschiffe
berüchtigten  Front  paysan  corse  de  la  libération  (F  PCL)  des  Jahres  1973  darstellt.

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