Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

führung der Schulpflicht (Schulgesetze von Jules Ferry, 1880-1884) anders: 
Die Kenntnis des Schriftitalienischen ging zurück, dafür kam - wie überall im 
italienischen Sprachgebiet - eine vom romantischen Geist inspirierte Dialekt¬ 
schriftstellerei in Gang. Ein sprachlicher Status quo pendelte sich zu Ende des 
19. Jh. ein: Das Französische wurde als Prestige-, Schul-, und vielfach Berufs¬ 
sprache weitgehend akzeptiert, man hielt verbal die Wichtigkeit des Schriftita¬ 
lienischen aufrecht, ohne sich wirklich dafür zu engagieren, und man verwen¬ 
dete im Alltag und in vertrauter Umgebung die korsischen Ortsdialekte; die 
wenigen Verschriftungsaktivitäten, die es überhaupt gab, blieben auf kleine 
Kreise von Intellektuellem mit Lokalengagement beschränkt, und man muß 
sich hüten, alle schriftlichen Äußerungen bereits als frühe Postulate einer korsi¬ 
schen Eigensprachlichkeit werten zu wollen - das 19. Jh. ist überall in der Ro¬ 
mania das Jahrhundert der Dialektschriftstellerei, und die zahlreichen Loblie¬ 
der, die vom Norden bis zum Süden Italiens auf die lìngua della mamma ge¬ 
sungen wurden, bedeuteten noch längst nicht, daß man diese nicht der lingua 
nazionale unterstellen wollte. In Korsika kam der sprachliche Status quo durch 
den Siegeszug des Fascismo in Italien aus dem Gleichgewicht: Die italianità 
der Insel war auf einmal nicht mehr lediglich ein sprachliches Faktum, sondern 
sie wurde in Rom als Argument für Annektionsgelüste gebraucht. Eine Menge 
Geld floß in die Förderung aller möglichen kulturellen und wirtschaftlich-poli¬ 
tischen Maßnahmen, deren Ziel die Förderung der Bande Korsikas zu Italien 
und zugleich die Schwächung der französischen Strukturen war. Soweit man 
das heute noch beurteilen kann, erlitt die fascistische Propaganda weitgehend 
Schiffbruch: Obwohl es kaum französische Aktionen gegen den fascistischen 
Expansionismus gab, erfolgte im Dezember 1938 eine Kundgebung mit im¬ 
merhin zwanzigtausend Teilnehmern, also rund einem Zehntel der Inselbevöl¬ 
kerung, die im Serment de Bastia Frankreich ewige Treue gelobten. Die italie¬ 
nische Besetzung der Insel im Weltkrieg, die vom 11. 11. 1942 bis zum 3. 10. 
1943 dauerte, machte jeglicher Sympathie für eine irgendwie geartete Zuord¬ 
nung zu Italien ein für allemal den Garaus, und weil man alles, was mit Italien 
zusammenhing, von nun an weit von sich wies, wies man auch die italienische 
Schriftsprache weit von sich. Die Rolle der Sprache Dantes war, soweit es 
Korsika betrifft, ausgespielt, aber das Französische konnte nicht einfach an ihre 
Stelle treten, denn anders als zwischen Korsisch und Italienisch gibt es natürlich 
keinen stufenlosen Übergang zwischen Korsisch und Französisch. So gewannen 
die korsischen Sprachnormierungsaktivitäten, die sich in den fünfziger Jahren 
um die Kulturzeitschrift U Muntese konzentrierten, an Bedeutung: Man einigt 
sich auf eine relativ lockere Norm, die in Orthographie, Morphologie und 
Wortschatz möglichst auffällige Abweichungen vom Italienischen zeigt. 
Sprachaktivismus und Regionalismus konvergieren nach 1968 in einer Auto¬ 
nomie- und sogar Unabhängigkeitsbewegung, deren radikale Ableger trotz lin¬ 
ker Rhetorik mehr und mehr rassistische Züge zeigen und vor Terrorismus ge¬ 
gen alle Nichtkorsen nicht zurückschrecken,1 Die sprachliche Realität hat frei¬ 
Zu nennen ist hier besonders die 1976 gegründete Front de la liberation nationale corse 
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