Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

4. Können  Sprachkonflikte  neutralisiert  werden?
Das  Schweizer,  das  kanadische  und  vor  allem  das  belgische  Beispiel  zeigen,  daß
es  eine  Reihe  von  Denkansätzen  und  Konzepten  gibt,  die  Konflikte  erfolgreich
neutralisieren  können.  Im  Lichte  kontaktlinguistischer  Forschungsresultate
dürften  jedoch  universelle  Lösungsmodelle  wenig  sinnvoll  sein,  da  sie  weder
die  Spezifizität  noch  die  situativen  und  kontextuellen  Bedingungen  multikultureller
  und  multilingualer  Gegebenheiten  berücksichtigen.  Amtlich  mehrsprachige
  Länder  zeigen  einige  Lösungsvorschläge  auf:
1)  Das  im  Zusammenhang  mit  dynamischen  Faktoren  bereits  hervorgehobene
Territorialitätsprinzip  hat  in  Ländern  wie  der  Schweiz,  Belgien  und  der  kanadischen
  Provinz  Quebec  das  Personalitäts-  oder  Individualitätsprinzip  verdrängt
und  zu  getrennten  Netzwerken  und  Infrastrukturen  geführt,  die  sich  als  institutionalisierte
  Mehrsprachigkeit  (im  Gegensatz  zur  früheren  individualisierten
Mehrsprachigkeit)  beschreiben  lassen:  In  der  Folge  hat  die  infrastrukturelle
Trennung  der  Bildungssysteme  in  der  Schweiz  und  in  Belgien  dazu  geführt,  daß
in  diesen  vier-  bzw.  dreisprachigen  Ländern  mehrsprachige  Schulen  und  Universitäten
  fast  unbekannt  sind.
2)  Zur  jüngsten  Sprachpolitik  mehrsprachiger  Länder  gehört  der  Versuch  der
„Entemotionalisierung“  von  sprachlichen  Konflikten,  so  daß  Sprachkonflikte
zwar  noch  als  Ausdruck  von  sozioökonomischer  Ungleichheit,  nicht  aber  als
Kulturkonflikt  „an  sich“  gelten.  Eine  der  wesentlichen  Möglichkeiten,  Sprachkonflikte
  dieser  Art  zu  vermeiden,  ist  der  überaus  vorsichtige  Gebrauch  von
Sprachzählungsdaten  (Zensusdaten).  So  hat  Belgien  aufgrund  negativer  Erfahrungen
  in  den  letzten  100  Jahren  das  staatlich  verordnete  Zählen  und  sprachliche
  Zuordnen  von  Staatsbürgern  seit  dem  Jahre  1947  nach  einer  außerordentlich
  schweren  Regierungskrise  gesetzlich  untersagt.  Indirekt  wurde  damit  der
Weg  eröffnet,  Minderheiten  mehr  Rechte  zuzubilligen,  als  ihnen  aufgrund  ihres
prozentualen  Anteils  an  der  Gesamtbevölkerung  zukommen.
3)  Hieraus  entwickelte  sich  Anfang  der  neunziger  Jahre  die  Idee  der  positiven
Diskrimination,  wodurch  Minderheiten  besonders  geschützt  werden  können.  So
ist  die  Klassenstärke  an  den  Schulen  der  flämischen  Minderheit  in  Brüssel
durchweg  geringer  als  die  der  frankophonen  Mehrheit,  da  die  belgische  Sprachpolitik
  bereits  in  der  Vergangenheit  von  einem  besonderen  Förderungsbedarf
der  kleineren  Sprachgemeinschaften  ausgegangen  ist.
4)  In  jüngster  Zeit  scheinen  auch  die  Sprachen  als  gesellschaftlicher  Umweltfaktor
  des  Menschen  an  Bedeutung  zu  gewinnen,  so  daß  ökolinguistische  Überlegungen
  die  Lebenswelt  und  Gemeinschaft  von  Minderheitssprechem  stärker
berücksichtigen.  Als  erster  Erfolg  zeichnet  sich  die  Vermeidung  landesweiter,
zentralistischer  Sprachplanung  ab,  die  von  einem  regionalen  und  menschlicheren
  „aménagement  linguistique“,  einem  in  Rücksprache  mit  Sprechern  kleinerer
Sprachen  und  Sprachgemeinschaften  und  zudem  ökologisch  bestimmten
„Sprachhaushalt“  abgelöst  wird.

114
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.