Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

wachsenen  Mehrsprachigkeitsstrukturen  aufzugeben,  und  zugleich  auch  auf  eine
sprachpolitisch  bedingte  Ideologisierung.
-  Da  Sprachen  von  Umgebungs-  und  Umweltfaktoren  abhängen  und  somit  die
gesellschaftliche  Diversifikation  widerspiegeln,  ist  das  Bedürfnis  von  Sprachpolitikem,
  Sprecher  und  ihre  Sprachen  zu  zählen,  häufig  zum  Scheitern  verurteilt.
  Wenn  z.B.  deutsche  Regierungsinstanzen  von  einer  Million  Deutschsprachigen
  in  Polen  sprechen  und  die  polnische  Regierung  nur  von  einer  verschwindend
  kleinen  Restgruppe  von  ca.  3000  Restsprechem  ausgeht,  dann  mögen
  sich  beide  Schätzungen  sprachpolitisch  im  Sinne  der  Urheber  erklären  und
rechtfertigen  lassen,  spiegeln  die  sprachliche  Wirklichkeit  jedoch  in  keiner
Weise  wider.
-  Ungefähr  4000  Dolmetscher  und  Übersetzer  versuchen  die  täglichen  Kommunikationsbedürfnisse
  der  Europäischen  Union  in  Brüssel  zu  befriedigen.  Der
hochwohllöbliche  Ausgangspunkt  ist  die  Anerkennung  von  11  Amts-  und  Arbeitssprachen
  der  Gemeinschaft  und  deren  -  fiktive  -  Gleichrangigkeit.  Die  gegenwärtige
  Konstellation  führt  jedoch  zu  110  (10  x  11)  Sprachkombinationen.
Die  Verständigung  kann  mit  asymmetrischen  Tricks  aufrecht  erhalten  werden
(z.B.  wird  gelegentlich  aus  11  Ausgangssprachen  nur  in  die  3  wichtigsten  Zielsprachen
  -  Deutsch,  Französisch,  Englisch  -  gedolmetscht).  Ob  der  in  den
nächsten  Jahren  geplante  Beitritt  weiterer  europäischer  Länder  zur  EU  dieses
sprachenmäßig  nur  schwer  überschaubare  Übersetzen  nicht  gänzlich  ad  absurdum
  führt  und  Konflikte  ganz  neuer  Art  heraufbeschwören  kann,  wird  erst  die
Zukunft  erweisen.
-  Als  weiterer  Konfliktfaktor  soll  hier  noch  die  Ideologisierung  kleinerer
Sprachgemeinschaften  hervorgehoben  werden.  Zur  Ideologisierung  gehören
z.B.  Aspekte  des  Sprachkontakts,  die  die  Verständigung  aufgrund  außersprachlicher
  Faktoren  erschweren.  So  wird  einer  der  wenigen  Belfaster  Irischstudenten,
  der  in  der  Irischen  Republik  Irisch  unter  Muttersprachlern  erlernen  möchte,
nicht  nur  mit  innersprachlichen  Problemen  konfrontiert,  sondern  auch  mit  der
unterschiedlichen  Situation,  in  der  sich  das  Irische  in  Irland  (Connemara)  befindet:
  So  können  Unterschiede  in  der  Religion  (katholisch  in  Irland,  überwiegend
  protestantisch  in  Belfast),  des  unterschiedlichen  Umwelt-  und  Sozialaspekts
  (urbane  versus  rurale  Sprachgemeinschaft)  und  der  Sprachumgebung
(hohe  Arbeitslosenrate  bei  der  Landbevölkerung  in  Connemara,  vergleichsweise
geringe  Arbeitslosenrate  bei  der  großstädtischen  Sprachgemeinschaft  in  Belfast)
zu  Mißverständnissen  und  Lembeeinträchtigung  führen,  die  außersprachlich
(ideologisch)  bedingt  sind.
Viel  überzeugender  sind  Beispiele  aus  der  übrigen  Welt,  wo  ganze  Sprachgemeinschaften
  stigmatisiert  sind,  indem  sie  ideologisch  so  konnotiert  werden,
daß  der  Sprachkontakt  zwischen  ihnen  auf  Jahre  hinaus  zum  Konflikt  entartet.
So  hat  sich  im  südlichen  Afrika  das  Englische  als  „Sprache  der  Unabhängigkeit“
  Vorteile  verschafft,  die  es  den  einheimischen  afrikanischen  Sprachen  erschwert,
  aus  ihrem  Schattendasein  zu  treten.

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