Länder die Rolle der Zweitsprache (statt der früheren Pflichtsprache Russisch)
übernommen hat.
3. „Natürliche“ und „künstliche“ Konflikte
Mit welchen Konflikten werden die in ihrer Dynamik und Vitalität teilweise gefährdeten
ethnolinguistischen Gemeinschaften Europas heute konfrontiert?
Aus pragmatischen Gründen teilen wir diese Konflikte in „natürlich gewachsene“
oder traditionelle und „künstliche“ oder selbsterzeugte Konflikte ein.
1) „Natürlich gewachsene“ oder traditionelle Konflikte'. Die Zahl, Intensität
und Unterschiedlichkeit der Sprachen Europas werden häufig unterschätzt. Von
den über 90 europäischen Sprachen (ohne die Länder der früheren Sowjetunion)
werden weniger als die Hälfte (über 40) innerhalb der 15 Länder
der Europäischen Union gesprochen. Im Bereich der Sprachkonfliktforschung
lassen sich in bezug auf die traditionellen Konflikte drei Schwerpunkte erkennen:
- Die Erforschung „institutionalisierter“ Sprachkontakte in offiziell mehrsprachigen
Ländern wie der früheren Tschechoslowakei, dem früheren Jugoslawien,
der Schweiz und Belgien. Die unterschiedliche (sprachpolitische Entwicklung
in diesen Beispielländem und der unterschiedliche Stellenwert in der gegenwärtigen
sprachpolitischen Aktualität unterstreicht die Schwierigkeit der Vergleichbarkeit
von Sprachkonflikten.
- Gegensätzliche Entwicklungen zeichnen sich in urbanen und ruralen mehrsprachigen
Gebieten ab: alle europäischen Haupt- und Großstädte sind in den
neunziger Jahren mehrsprachig geworden und liefern somit sämtliche Rahmenbedingungen
für die moderne Sprachkonfliktforschung. Sprachwechsel und die
damit verbundenen Sprachkonflikte spielen sich in weitaus geringerem Maße in
ruralen Gebieten und den ebenfalls meist ländlichen Grenzgebieten europäischer
Länder ab. Areallinguisten treffen hier zum Teil noch eine sprachliche Homogenität
an, die in Großstädten nicht mehr nachweisbar sein dürfte.
- Ein dritter Schwerpunkt der Sprachkonfliktforschung befaßt sich mit den
Sprach- und Kulturkontakten bodenständiger Minderheiten, den Autochthonen
einerseits und den (allochthonen) Migranten (Asylanten, Flüchtlingen, Umsiedlern)
andererseits. Bedauerlich mag den Kontaktlinguisten die Trennung beider
Gruppen erscheinen, die methodisch sicherlich nicht streng durchgeführt werden
kann. Wie sollten sonst weder als autochthon noch als allochthon definierbare
Sprachgruppen wie die Sami oder die Jiddischsprachigen oder aber auch
Rotwelschsprecher einzuordnen sein?
2) „Künstliche“ oder selbsterzeugte Konflikte: Diese Konflikte lassen sich häufig
zurückführen auf die zentralistische Sprachpolitik europäischer Länder, auf
den Versuch, das zukünftige Europa teilweise zentral zu regieren, ohne die ge¬112