Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

2)  Stärker  dynamisch  wirkt  sich  die  fortschreitende  Urbanisierung  von  Stadtlandschaften
  aus,  da  sämtliche  Großstädte  Europas  im  allochthonen  wie  im  autochthonen
  Sinne  mehrsprachig  geworden  sind.  Sozioökonomische  wie  sprachliche
  Entwicklungen  mit  erheblichem  Konfliktpotential  vergrößern  sprachdynamisch
  den  Abstand  zu  ruralen  Gebieten.
3)  Mehrsprachigkeit  fördert  in  besonderem  Maße  die  Sprachdynamik;  sie  läßt
sich  nach  Marktprinzipien  im  Sinne  von  Angebot  und  Nachfrage  beschreiben.
4)  Ökologische  Einflüsse  wie  Industrieansiedlungen,  soziale  Umwälzungen,
Naturkatastrophen  und  Faktoren  des  sprachlichen  „Haushalts“  einer  Sprachgemeinschaft
  können  jahrzehntelange  Entwicklungen  durchkreuzen  und  einschneidende
  Folgen  für  die  Dynamik  einer  Zweit-  oder  Sondersprache  haben.
Im  Gegensatz  zu  Bretons  Definition  erscheint  Sprachdynamik  hier  als  relationeller
  Begriff,  kaum  als  objektiver,  neutral  zu  definierender  Terminus,  ist
deutlich  abhängig  von  sprachlichem  Kontext,  der  jeweiligen  Gesellschaft  und
zahlreichen,  nicht  immer  vergleichbaren  sprachextemen  Faktoren,  die  Verallgemeinerungen
  kaum  zulassen.  Ein  Grund  hierfür  liegt  in  der  Tatsache,  daß
Sprache  oft  nur  im  bereits  erwähnten  Sinne  als  Sekundärsymbol  für  zugrundeliegende,
  andere  Ursachen  sozioökonomischer  oder  ökologischer  Art  fungiert
und  damit  als  Katalysator  bei  Konflikten  oder  auch  als  Konfliktsymbol
schlechthin  dient.  Dieser  Aspekt  wird  von  einer  zu  autonomen  Sprachpolitik
nicht  immer  ausreichend  berücksichtigt.  Zu  voreilig  werden  Sprachen  außersprachliche
  Eigenschaften  zuerkannt,  die  Sprechergruppen  diskriminieren  können.
  Als  abschreckendes  Beispiel  könnte  -  bei  einem  Blick  über  die  europäischen
  Grenzen  hinweg  -  die  jüngste  Sprachpolitik  Namibias  dienen:  Ausgestattet
  mit  drei  Sprachen,  die  den  Zugang  zum  europäischen  Wirtschaftsmarkt  erleichtern
  (Englisch,  Deutsch  und  Niederländisch/Afrikaans),  werden  zwei  dieser
Sprachen  so  polarisiert,  daß  eine  von  beiden  als  „Sprache  der  Befreiung“,  die
andere  als  „Sprache  der  Unterdrückung“  erscheint.  Statt  demnach  von  den  natürlichen
  Sprachressourcen  des  Landes  mit  nationalem  und  internationalem
Marktvorteil  Gebrauch  zu  machen,  wird  aus  ideologischen  und  politischen
Gründen  eine  der  drei  Sprachen  bevorzugt  behandelt,  alle  anderen  vorhandenen
Sprachen  damit  herabgestuft  und  deren  Sprecher  stigmatisiert.
2,3 Vermutliche  Tendenzen  im  Blick  auf  das  Jahr  2000
Kleinstsprachen  haben  reelle  Chancen,  zu  überleben,  falls  sie  die  „bürden  of
multilingualism“  (Wölck  1989,  30)  akzeptieren  und  sinnvoll  nutzen.  Im  allgemeinen
  wird  sich  der  Status  quo  jedoch  nicht  halten  können,  sondern  zahlreiche
Kleinstsprachen  werden  eine  rückläufige  Tendenz  aufweisen  (Sorbisch  in
Deutschland,  Albanisch  in  Italien,  kleine  Sprachen  in  Griechenland  und  Frankreich,
  Sonder-  und  Berufssprachen  in  ganz  Europa).
Kleinere  und  kleine  Sprachen  können  zum  Teil  mithilfe  des  Territorialitätsprinzips,
  einer  subsidiären  Sprachengesetzgebung  und  einer  demokratisch  kon¬110


            
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