Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Nehmen  wir  einen  Augenblick  an,  Sprachen  ließen  sich  durch  vorteilhafte  und
nachteilige  Faktoren  einer  Sprachdynamik  beschreiben,  dann  ergäbe  sich  im
Bereich  der  autochthonen  Sprachen  Europas  ein  etwas  einheitlicheres  Bild  als
im  Bereich  der  allochthonen  Sprachen,  deren  Wanderbewegungen  einer  so  starken
  Fluktuation  unterworfen  sind,  daß  sich  kaum  einheitliche  Faktoren  herausstellen
  lassen.  Beschränken  wir  uns  also  auf  die  sogenannten  autochthonen
Sprachen  (indigenous  languages,  langues  endogènes),  wobei  die  Zuordnung  von
Sondersprachen  wie  Rotwelsch  und  schwer  erfaßbarer  Kleinstsprachen  wie  Jiddisch
  und  Romani  zumindest  fragwürdig  sein  dürfte.
Kleinstsprachen  (Rätoromanisch,  Baskisch  etc.)
Günstige  Faktoren:
1)  Verfassungsmäßige  Gleichwertigkeit  mit  anderen  Sprachen  (Irisch  in  Irland).
2)  Mosaikbausteine  eigenständiger  europäischer  Kulturen  (Aromunisch  auf  dem
Balkan).
3)  Seit  den  sechziger  Jahren  gibt  es  eine  Renaissance  kleiner  Sprachen  und
Kulturen  (vor  allem  in  Nord-  und  Westeuropa).
4)  Seit  den  achtziger  Jahren  entsteht  ein  neues  grenzübergreifendes  Regionalbewußtsein
  (Region  Alpen-Adria;  Euregio).
Ungünstige  Faktoren:
1)  Vereinheitlichungstendenzen  durch  Massenmedien  (Griechenland,  Frankreich).

2)  Kurzlebige  gesellschaftliche  (modische)  und  technische  Entwicklungen  finden
  in  Kleinstsprachen  nicht  mehr  ihren  terminologischen  Niederschlag
(Faröisch:  vgl.  Kloss  1978  und  sein  Faröerbeispiel).
3)  Kleinstsprachen  sind  meist  Haus-  und  Familiensprachen  und  werden  zu  sozialer
  Zweitrangigkeit  herabgestuft  (Friesisch  in  Deutschland  und  den  Niederlanden,
  Sondersprachen  wie  die  Rotwelschdialekte,  die  nur  als  zusätzliche
Kommunikationsmittel  verwendet  werden).
4)  Im  Zuge  des  Zusammenrückens  europäischer  Länder  sind  einsprachige
Kleinstsprachensprecher  heute  weitgehend  verschwunden,  wodurch  Zweisprachigkeit
  für  sie  längst  kein  Diskussionspunkt,  sondern  Tatsache  geworden  ist
(Ladinisch,  Baskisch).
Kleine  und  mittlere  Sprachen  (Schwedisch,  Niederländisch  etc.)
Günstige  Faktoren:
1)  Häufige  gesetzliche  Einbindung  durch  Sprachgrenzen  und/oder  das  Territorialitätsprinzip
  (Italienisch  in  der  Schweiz).
2)  Zunehmende  Akzeptanz  einer  eigenen  Sprach-  und  Kulturidentität  einschließlich
  einer  sich  in  der  jüngsten  Zeit  entwickelnden  Multiidentität
(Luxemburgisch  neben  Deutsch  und  Französisch).

108
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.