2. Zur Sprachdynamik autochthoner Sprachen
Ganz Europa, mit nur unwesentlichen Ausnahmen, ist mehrsprachig. Da durch
politische Umwälzungen im Blick auf eine (teil-)europäische Vereinigung Gesamteuropa
in einen sich zunehmend beschleunigenden Sog nicht mehr aufzuhaltender
sozioökonomischer Verschmelzungstendenzen geraten ist, muß mit
Fug und Recht die Frage des Miteinanders europäischer Sprachen im Sinne einer
zukünftigen Sprachplanung gestellt werden, einer Sprachplanung, die allerdings
nicht von „oben“, einer eurokratischen Superbehörde ausgeht, sondern,
ähnlich wie beim politischen Subsidiaritätsprinzip, von einer demokratischen
Basis, den sich heute wieder stärker herausbildenden, grenzübergreifenden Regionen
bestimmt wird.
Eine möglichst neutrale Klärung der Sprachen und ihrer Funktionen in einem
zukünftigen Europa könnte eine Brücke zu einer emotionsfreien Sprachpolitik
bauen, die die Dynamik und Vitalität aller Sprachen - auch die von Kunstsprachen
und Sondersprachen - berücksichtigt.
2.1 Die die sogenannte Dynamik beeinflussende gegenwärtige Sprachkontaktlage
Falls - wie Roland Breton behauptet (Labrie 1990, 302) - Sprachdynamik die
Summe von Sprachverbreitung und -entwicklung ist, dann ließen sich
„Schwächen“ und „Stärken“, vorteilhafte wie nachteilige Auswirkungen der gegenwärtigen
Sprachsituation auf die Zukunft europäischer Sprachen beobachten.
Allerdings erscheint uns eine derart formelhafte Eingrenzung des Dynamikbegriffs
als zu „statisch“. Allein Einteilung, Abgrenzung und Definition
von Sprachen und ihren Varianten entziehen sich häufig jeglicher Klassifikation.
Die meisten europäischen Sprachen gehören zu den sogenannten Minderheitssprachen
- ein relationeller Terminus, der sich einer kontaktlinguistischen Präzisierung
entzieht. So lehnen die Iren für den EU-Gebrauch aus eigenstaatlicher
Perspektive die Bezeichnung „Minderheit“ ab und ersetzen sie durch die ungenaue
Formulierung und zugleich inkongruente Entsprechung „weniger verbreitete
Sprache/lesser used language/langue moins répandue“), ein wenig hilfreicher
Ersatz, da somit das Deutsche (außerhalb Deutschlands) als größte „weniger
verbreitete Sprache“ einzuordnen wäre - eine unbefriedigende Charakteristik
für Europas zahlenmäßig stärkste Sprache.
Der Versuch, Minderheiten als allochthon bzw. autochthon darzustellen, wirkt
auf den ersten Blick überzeugender, deckt jedoch ebenfalls nicht alle Minderheitssprachen
ab.
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