Peter Hans Heide
Vitalität und Dynamik europäischer
Sprachgrenzminderheiten*
1. Kleine Sprachgemeinschaften und Kontaktlinguistik
Erst seit Anfang der neunziger Jahre schält sich im Rahmen der bisher eher zurückhaltenden
Sozial- und Kulturpolitik der Europäischen Union ein sprachpolitischer
Bereich heraus, der ansatzweise als Sprachplanung bezeichnet werden
kann. Aufgrund der Tatsache, daß Fragen der sozialen Rückständigkeit, der
wirtschaftlichen Benachteiligung und der kulturellen Überfremdung in weiten
Gebieten Europas mit der Stigmatisierung der sogenannten „Minderheitssprachen“
miteinander verwoben sind, haben minderheitenfreundliche Initiativen
(wie die Gründung des EBLUL / European Bureau of Lesser Used Languages
in Dublin und die Einrichtung der „Generaldirektion XXII“ im Frühjahr 1995
in Brüssel bei der EU) kleine Sprachgruppen, wie sie zuweilen isoliert, meist
jedoch als Sprachgrenzminderheiten auftreten, in den Mittelpunkt des Interesses
gerückt.
Unseren Überlegungen zur Dynamik und Vitalität kleiner Sprachen Europas
sollen einige kontaktlinguistische Voraussetzungen vorangestellt werden, die
trotz ihrer teilweisen Trivialität für die nachfolgenden Ausführungen Berücksichtigung
verdienen.
1) Sprachkontakt existiert nur zwischen Sprechern bzw. Sprachgemeinschaften,
nicht aber zwischen Sprachen. Dadurch wird die Vergleichbarkeit von ein und
derselben Sprache in unterschiedlichen Kontexten (z. Bsp. Italienisch in Slowenien
und in der Schweiz) weitgehend eingeschränkt.
2) Auch wenn die Aussage, es gäbe keinen Sprachkontakt ohne Sprachkonflikt
(„Neide’s Law“: K. de Bot in seinem Vortrag vor der Gesellschaft für Angewandte
Linguistik (GAL) am 1.10.1989 in Göttingen) übertrieben erscheinen
mag, so ist im Bereich der europäischen Sprachen gegenwärtig keine Kontaktsituation
denkbar, die sich nicht auch als Sprachkonflikt beschreiben ließe.
Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang auch Mattheiers Aussage zu
Sprachkonflikten unter monolingualen Sprechern (Mattheier 1984).
Ein Beitrag zu diesem Thema erscheint gleichzeitig in Siewert, K.: Sondersprachen,
Münster (im Druck).
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