Full text: Grenzen und Grenzregionen

Läßt sich nun bei der fränkischen Bevölkerung des westlichsten Teils des Saar- 
Mosel-Raumes zwischen Maastal und Argonnen eine kulturelle Orientierung nach 
Westen anhand anderer Phänomene feststellen? Am deutlichsten kann man dies 
wohl an der Frauentracht erkennen. Im ausgehenden 6. und in der ersten Hälfte 
des 7. Jahrhunderts waren hier Gehänge mit einer sogenannten Zierscheibe als 
Hauptamulett üblich, wie überall zwischen Seine und Rhein und östlich davon. In 
der Anordnung dieses Hauptamuletts innerhalb des Gehänges gibt es jedoch deut¬ 
liche Unterschiede. Wie sich durch die Kartierungen von Dorothee Renner53 zeig¬ 
te, zeichnen sich hier von der Zeitstellung unabhängige, regional geschlossene 
Verbreitungsbilder ab. Beginnend in einer Zone an der Maas und westlich davon 
bis zur Seine wurden Gehänge getragen, die von einer unmittelbar am Gürtel befe¬ 
stigten, also im Becken liegenden Zierscheibe ausgingen54. Die in diesem Bereich 
üblichen Zierscheiben haben immer rechteckige Ösen zum Aufhängen, so daß der 
relativ schlechte Beobachtungsstand in Frankreich ausgeglichen werden kann, in¬ 
dem man die Verbreitung dieser Ösenform55 betrachtet. Man sieht hier besser das 
deutliche Schwergewicht an der Maas und westlich davon, aber auch, daß solche 
Gehängeformen innerhalb des Saar-Mosel-Raumes und nördlich davon noch ein 
wenig mehr nach Osten streuen. In den Rheinlanden und den rechtsrheinischen 
Gebieten56 waren hingegen die Zierscheiben am Ende des Gehänges angebracht 
und fanden sich deshalb im Bereich der Ober- und Unterschenkel. Damit korre¬ 
spondiert eine andere Aufhängungsform: die Befestigung mittels eines Ringes aus 
verschiedenen Materialien. Für diese Tragweise sind allerdings auch heute noch 
keine Lagebeobachtungen im Saar-Mosel-Raum vorhanden, daher sei als Beispiel 
für die östlich orientierte Frauentracht die Verbreitung verschiedener, ganz aus 
Metall gefertigter Kettengehänge (Abb. I)57 betrachtet, die sonst nur östlich des 
Saar-Mosel-Raumes verbreitet sind. Das Bild muß allerdings unter zwei Gesichts¬ 
punkten gewertet werden: Es handelt sich erstens hier um einen Trachtbestandteil, 
das nur in überdurchschnittlich reich ausgestatteten Frauengräbem - also relativ 
selten - vorkommt. Die Zahl der Belege ist zweitens abhängig von der sehr unter¬ 
schiedlichen Zahl beobachteter Grabfunde bzw. der Besiedlungsdichte, die beson¬ 
ders in Rheinhessen und der Pfalz sehr groß ist. 
Da die Männertracht nur die Gürtelschnalle als erhaltenen Trachtbestandteil bei 
Franken und Romanen kennt, läßt sich allenfalls an einer Verbreitung von Gürtel¬ 
schnallen- bzw. Gamiturformen eine westliche oder östliche Ausrichtung erken¬ 
nen. Für westlich verbreitete Formen gibt es nur wenige Verbreitungskarten, dar- 
53 
Renner, Die durchbrochenen Zierscheiben der Merowingerzeit, S. 59ff. Karte 25. 
54 Renner konnten die Befunde im Saar-Mosel-Raum - in Lavoye und in Arlon vor allem - beim Abschluß 
ihres Manuskriptes 1968 noch nicht bekannt sein. 
55 
Renner, ebd. Karte 24: Zierscheiben mit Hängeösen. 
56 Ebd. Karte 24-25. 
57 * 
Grundlage der Verbreitungskarte ist die von Koch, Main-Tauber-Gebiet, Taf. 92,15, veröffentlichte 
Verbreitungskarte, in die Kettengehänge mit Stangengiiedem zusätzlich eingetragen wurden, vgl. dazu 
die Liste 1 im Anhang. 
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