Full text: Grenzen und Grenzregionen

Damit wird eine der Wahrheit verpflichtete Beschreibung von Wirklichkeit un¬ 
möglich, weil es d i e Wirklichkeit an der Grenze nicht gibt. Wieder bei Johnson: 
"Die Nachbarschaft dieser zwei politischen Ordnungen ist nicht mehr als eine Alternative 
von Wirklichkeiten. Sie sind nicht durch Logik verbunden, sondern durch eine Grenze." 
Damit kündigt Johnsons Begriff von Grenze das auf, was Lotman als Grundbedin¬ 
gung des Erzählens überhaupt postuliert hatte. - Die semantischen Unterfelder als 
komplementäre Elemente der Erzählung fehlen. Es fehlt auch das übergreifende 
semantische Feld - Johnson sagt, "es gibt keinen einheitlichen Ausdruckszusam¬ 
menhang". Wenn also kein adäquates Darstellungssystem für die Grenzüberschrei¬ 
tung vorhanden ist: - dann kann überhaupt nicht mehr erzählt werden. 
Trautweins sehr interessante These: aus diesem Grunde bewegen sich die folgen¬ 
den Romane, Mutmaßungen über Jakob und Das dritte Buch über Achim, auf den 
Trümmern der traditionellen Epik. Die Romane waren bei ihrem Erscheinen ei¬ 
nem Teil der Kritiker verschlossen, weil sie kühne Darstellungsformen jenseits des 
selbstverständlichen Erzählens erprobten. Damit behaupteten sie die Einsicht: die 
ideologische Grenze läßt kein eindeutiges Wirklichkeitsbild mehr zu. Der Unter¬ 
schied, so Trautwein, ist der, daß die Mutmaßungen diese Einsicht dem Leser sel¬ 
ber überließen. Im Achim geht es leichter zu, indem diese Erfahrung dem ins Ge¬ 
schehen verwickelten Journalisten Karsch zugeordnet wird.14 Trautweins Schluß: 
Eine Analyse der folgenden Werke Johnsons bis zur Tetralogie der Jahrestage 
könnte zeigen, auf welche Weise Johnson stufenweise wieder erzählen kann, weil 
er den Alternativen und Fixierungen der Grenze entging, auch mit seinem Aufent¬ 
halt in New York. Eine höchst aufregende Geschichte also, in der einer zu erzäh¬ 
len beginnt, weil er die Grenze auf herkömmliche Weise nicht erzählen kann. So 
wird mit einem Schlage die krumme und widersprüchliche Rezeptionsgeschichte 
des Frühwerks deutlich, und der Text der "Berliner Stadtbahn" bewirkt gleich 
dreierlei. Er erzählt eine Geschichte, die eigentlich und herkömmlich nicht erzählt 
werden kann. Er sagt: Eine Grenze an dieser Stelle wirkt wie eine literarische Ka¬ 
tegorie. Und er interpretiert das Frühwerk seines Verfassers, ja er legitimiert es 
poetologisch in einer höchst plausiblen Methode. Gibt es also nach all dem noch 
oder wieder so etwas wie ein "Literarisches Antlitz des Grenzlandes"’15 wenn es 
den Autoren die Sprache verschlägt, ohne daß sie darüber, wie Johnson, sprechen 
können? Der Elsässer Conrad Winter stellt diese Frage in einem Gedicht: 
14 Trautwein verweist noch auf zwei Interpretationen, die erkannt haben, wie die politische Trennungslinie 
in den Alltag und bis in die Spaltung einzelner Figuren hineinwirkt: Jean Baudrillard: "Uwe Johnson, La 
Frontière", in: Les Temps Modernes, Jg. 1962, und Hans Mayer: "Versuch, eine Grenze zu beschreiben - 
zu Uwe Johnsons Mutmaßungen über Jakob”, in: Ders.: Vereinzelt Niederschläge, Pfullingen 1973. 
15 Vgl.Kuczynski/Schneider, Das literarische Antlitz des Grenzlandes. 
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