Full text: Grenzen und Grenzregionen

kam es für Metz zu einer Kumulation ungünstiger Entwicklungsbedingungen, die 
zu einer relativen Stagnation führten. Bis zum Ersten Weltkrieg expandierten an¬ 
dere lothringische Städte im weiteren Umfeld von Metz und sicherten sich damit 
wichtige Positionen im interstädtischen Zentralitätsgefüge. Als Metz schließlich 
1918 wieder in den französischen Staatsverband integriert wurde, waren die wich¬ 
tigen funktionalen Weichenstellungen längst zugunsten anderer Städte erfolgt. Die 
Rückgliederung und die nun unter günstigeren Bedingungen erfolgenden Bemü¬ 
hungen, den relativen Entwicklungsrückstand aufzuholen, kamen zu spät. Die für 
das Wachstum der Städte wichtigen Standortentscheidungen hatten in der Funkti¬ 
onsstruktur und Hierarchie der Städte Lothringens bereits zu einer solchen Verfe¬ 
stigung geführt, daß Korrekturen kaum noch möglich waren. 
Wenn ausgehend von diesem Befund versucht wird, die Qualität nationaler Ein¬ 
wirkungen auf die Stadtentwicklung in Grenzregionen zu bestimmen, so kann 
festgestellt werden, daß vor allem nach einer Grenzverschiebung exogene Faktoren 
den Verlauf der Urbanisierung in hohem Maß bestimmt haben. Allerdings hat ge¬ 
rade der Vergleich von zwei Städten verdeutlicht, daß der Wechsel der nationalen 
Zugehörigkeit ganz entgegengesetzte Folgen haben konnte, da die Zugehörigkeit 
zu einem Nationalstaat nur eine Determinante der urbanen Entwicklung ist, die 
erst in Kombination mit anderen Faktoren ihre positiven oder negativen Wirkun¬ 
gen entfaltete. Diese Ambivalenz hatte zur Folge, daß Metz eher als Opfer der 
politischen Zäsuren bezeichnet werden kann, während Straßburg unzweifelhaft zu 
den Nutznießern68 der Annexion gehörte, die aus dieser Stadt einen bedeutenden 
Pionierraum der Urbanisierung machte. 
Die im zweiten Teil vorgenommene Analyse der Debatten um die Kommunalver¬ 
fassung ergab für die Zeit nach 1871 und 1918 zahlreiche Analogien in der Fron¬ 
tenbildung sowie den Zielen der beteiligten Kontrahenten. Gerade in Städten, die 
infolge von Grenzverschiebungen Zielgebiet vielfältiger staatlicher Interventionen 
und Umwälzungen wurden, war ein hohes Maß an kommunaler Autonomie ein 
Garant der Kontinuität und kollektiven Identität. 
Einerseits bemühten sich lokale Bürgervertretungen und Bürgermeister durchge¬ 
hend um die Erhaltung oder den Ausbau ihrer Kompetenzen bei der Gestaltung 
der Entwicklung ihrer Stadt. Für sie war die kommunale Selbstverwaltung ein 
wichtiges Instrument der Selbstbehauptung, um die Einwirkung staatlicher Behör¬ 
den im kommunalen Bereich zu reduzieren. Andererseits waren die zentralen 
Verwaltungen bestrebt, ihren Einfluß auf die Städte zur Umsetzung der überge¬ 
ordneten nationalpolitischen Integrationsziele abzusichem bzw. auszudehnen. Da¬ 
bei hatten die inhaltlichen Unterschiede zwischen den deutschen und französi¬ 
schen Aufsichtsbehörden in ihrer Haltung gegenüber den Forderungen nach loka¬ 
ler Selbstverwaltung nur strategische Bedeutung. Wenngleich die deutschen Be¬ 
hörden nach einer Phase der Repression schließlich den Städten eine weitgehende 
68 Jonas, Le bâtisseur, S. 151: "Présentée souvent comme le symbole victime du conflit France-Allemagne, 
la ville de Strasbourg est, en fait, un des grands bénéficiaires de l'urbanisation des villes allemandes du 
demi-siècle qui va des années 1870 jusqu'à la première guerre mondiale." 
261
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.