Full text: Grenzen und Grenzregionen

Wicklungsgarantie für bewährte lokale Konzepte und Normen zur Entwicklung ih¬ 
rer Städte konnte von den Zentralbehörden leicht als Partikularismus gedeutet 
werden, der gerade auch in einem zentralistischen Staatsgefüge gefährliche Präze¬ 
denzfälle zu schaffen drohte. Die in den rückgegliederten Provinzen vereinzelt er¬ 
strebte regionale Autonomie schließlich erforderte aus Gründen der Herrschaftssi- 
cherung eine frühzeitige staatliche Intervention, um den nationalen Souveränitäts¬ 
anspruch abzusichem. Tatsächlich waren die forcierten Assimilationsbemühungen 
nach 1918 weniger ein Produkt eines überholten jakobinischen Zentralismus, son¬ 
dern sie dienten zunächst der Kontrolle und Bekämpfung oppositioneller Gruppen, 
die nach 1918 - wie neuere Untersuchungen z.B. zu Metz ergaben - ein nicht unbe¬ 
deutendes Protestpotential bildeten67. Daß eine entschlossene Assimilationspolitik 
der französischen Zentralbehörden gerade die partikularistischen Kräfte stärkte, 
deren Bekämpfung sie ja beabsichtigte, belegt die Komplexität der Konfliktlage 
und verdeutlicht zugleich, wie gering die Handlungsräume der Pariser Behörden 
waren. Ihre Politik in den rückgegliederten Provinzen stellte eine Gratwanderung 
dar, die von den Gegnern immer wieder entweder als jakobinischer Dirigismus 
oder aber als fahrlässige Duldung eines latenten Separatismus denunziert wurde. 
Ergebnisse 
Im ersten Teil der Untersuchung wurde deutlich, daß die Grenzverschiebung von 
1871 ganz unterschiedliche Auswirkungen auf die Urbanisierung in Metz und 
Straßburg hatte, wobei eine Vielzahl von Faktoren die divergierende Entwicklung 
bestimmte. Einerseits waren die vor 1870 gegebenen Startvoraussetzungen in bei¬ 
den Städten ungleich. Andererseits verlieh eine günstige wirtschaftsgeo- graphi¬ 
sche und verkehrstechnische Konstellation in Verbindung mit einer intensiven 
politischen Förderung der Stadtentwicklung in Straßburg eine außergewöhnliche 
Dynamik, wobei die durch die Annexion geschaffene Binnenlage diesen Auf¬ 
schwung verstärkte. Deutlich negativ hingegen waren die Auswirkungen der 
Grenzverschiebung in Metz, das eben nicht - aus deutscher Perspektive - wie 
Straßburg am Eingang, sondern am Ende des Reichslandes lag. Diese Disparitäten 
konnten durch die abermalige Grenzverschiebung von 1918 keineswegs kompen¬ 
siert werden. Nur in territorialer Hinsicht ergab sich aus der Addition der Grenz¬ 
änderungen von 1871 und 1918 ein Nullsummenspiel. Für die städtische Entwick¬ 
lung war es von entscheidender Bedeutung, in welcher Phase günstige oder un¬ 
günstige Bestimmungsfaktoren politischer, wirtschaftsgeo- graphischer oder ver¬ 
kehrstechnischer Art auf die Urbanisierung einwirkten. 
Straßburg profitierte gerade in der Hochphase der europäischen Stadtentwicklung 
von diesen günstigen Rahmenbedingungen, die der Stadt einen solchen Entwick¬ 
lungsschub verliehen, daß sie auch in der Folgezeit eine dominierende Stellung in 
einem großen Strahlungsbereich behaupten konnte. In der gleichen Zeit dagegen 
Schillinge!-, Metz. Keine Belege fanden sich zu folgender Darstellung zur Lage in Metz nach 1918 von 
Venitz, Das deutsche Metz, S. 103: "Da riefen die Lothringer es in alle Winde: 'Wir lassen uns unsere 
heiligen Rechte der Selbstbestimmung nicht rauben! Wir werden so lange kämpfen auf Leben und auf 
Tod, bis das elsaß-lothringische Problem im Sinne seiner Bevölkerung gelöst wird." 
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