Full text: Grenzen und Grenzregionen

auch die Übernahme bewährter Konzepte der deutschen Verwaltung nicht ausge¬ 
schlossen, zumal wenn sie einen höheren Grad an Modernität aufwiesen57. 
Zunächst aber bedeutete der Waffenstillstand eine fundamentale personale Zäsur 
in den Städten, da sämtliche höhere Beamte des Landes verwiesen wurden58. Die 
Gemeinderäte wurden ebenfalls aufgelöst, und z.B. in Straßburg verfugte der fran¬ 
zösische Kommissar im November 1918 die Einsetzung eines Gemeindeausschus¬ 
ses, dessen Mitglieder er ernannte59. Ein Jahr später fand dann in Straßburg eine 
ordentliche Kommunalwahl statt, in der erstmals die französischen Wahlbestim¬ 
mungen von 1884 Anwendung fanden. Nun hatte - endlich - allein der Gemeinde¬ 
rat das Recht der Bestellung des Bürgermeisters. Alle anderen Vorschriften der 
Gemeindeordnung von 1895 blieben jedoch rechtsgültig60 und wurden gegen alle 
folgenden Angleichungsversuche von allen politischen Gruppierungen im ehema¬ 
ligen Reichsland verteidigt. So blieb das deutsche Prinzip der Allzuständigkeit der 
Gemeinden erhalten. Auch die gemischtwirtschaftlichen Unternehmen konnten 
fortgeführt werden, da die angegliederten Städte weiterhin höhere Beteiligungen 
an Privatuntemehmen halten durften als im übrigen Frankreich. Beibehalten 
wurde ebenso das entfaltete kommunale Budgetrecht, wodurch der Vorgesetzten 
Behörde nur die Rechtsaufsicht verblieb, nicht aber das sonst übliche umfangrei¬ 
che Genehmigungsrecht61. 
Zum ersten Bürgermeister Straßburgs wurde der frühere SPD-Reichstagsabgeord- 
nete Jacques Peirotes gewählt. Er hatte die Angliederung an Frankreich 1918 
stürmisch begrüßt, entwickelte sich aber in den folgenden Jahren zu einem glü¬ 
henden Verfechter einer Kontinuität der kommunalen Selbstverwaltung in den 
Städten des ehemaligen Reichslandes. Gemeinsam mit seinen Amtskollegen in den 
anderen großen Gemeinden lehnte er im Herbst 1922 eine Anpassung der Ge¬ 
meindegesetzgebung an das französische Recht ab und verteidigte die 
"freiheitliche Selbstverwaltung der elsaß-lothringischen Kommunen"62. Jetzt erst 
erfuhr die Gemeindeordnung von 1895 eine Wertschätzung, die ihr vor dem Krieg 
verweigert worden war, und schon bald konnten deutsche Beobachter voller Ge¬ 
avons beaucoup à apprendre chez elles, notamment au point de vue de la décentralisation, de la gestion 
sur place des intérêts locaux et régionaux", zh. in: Cerfberr, Ce que nous avons trouvé, S. 129. 
57 
Ebd., S. 151: "Dans beaucoup de branches de l'Administration, le système allemand a fait preuve 
d'ingéniosité et d'esprit pratique, hnitons-le sans fausse honte toutes les fois que l'esprit d'une réforme 
pourra s'adapter au caractère et aux habitudes françaises." Glenn, The local law, S. 770: "Alsace- 
Lorraine thus retumed to France after WW I with a body of public laws much more modem than that of 
France." 
Ingesamt verließen 16000 Beamte das Elsaß, s. Livet und Rapp, Histoire de Strasbourg, S. 418. 
59 Compte rendu, S. 8 u. 49. 
60 Livet und Rapp, Histoire de Strasbourg, S. 422. Eine detaillierte juristische Analyse der Gemeinde¬ 
ordnung von 1895 publizierte Fonlupt-Espéraber, Le droit municipal. 
61 Fisch, Zur Handhabung, S. 79f. 
Schwalb, Der neue Rechtszustand. Zum Engagement von Peirotes s. Grasser, Die Gemeinde- 
Verfassung, S. 17. 
258
	        

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