Full text: Grenzen und Grenzregionen

feinert und aufgrund intimer Kenntnis der Urkundenbelege und altbairischer 
Sprachveränderungen mit Meisterschaft angewendet bei der Ausarbeitung von 
Namenkarten seit Anfang der sechziger Jahre. 
Gaugrenzen sind in der Regel eine Folge einzelner Dorf- oder Gerichtsgrenzen, so 
wie Bistumsgrenzen meist eine Abfolge einzelner Pfarreigrenzen darstellen. 
Schwierigkeiten bei der Feststellung solcher Grenzverläufe gibt es vor allem dann, 
wenn Grundherrschaft und Gerichtshoheit (häufig nochmals getrennt nach hoher 
und niederer Gerichtsbarkeit) nicht in derselben Hand vereint sind. Dies war bei 
geistlicher Grundherrschaft fast stets der Fall, da die Bischöfe, Stifte und Klöster 
(Säben, Trient; Sonnenburg, Marienberg, Stams, Wilten u.a.) in ihrem Grundbe¬ 
sitz zunehmend Unabhängigkeit und eigene Rechtsprechung, wenigstens in der 
niederen Gerichtsbarkeit, anstrebten und vielfach auch erreichten. 
Im sog. Vigiliusbrief20 - einer der frühesten Dotierungen einer Pfarre und, wie 
man heute weiß, einer Fälschung aus dem 11. Jh. auf Grundlagen des 9. Jh. - wird 
schon recht genau eingegrenzt, auch wenn wir nicht alle Namen eruieren können: 
"Notum vobis facio, qualiter beatus Uigilius Tridentine sedis episcopus ordinavit plebem de Caldare una 
cum beato Armachora Aquitensis sedis episcopus...tempore Theodosii et Honorii imperatorem et Stilliconis 
consulis...Incipit plebem de Caldare de loco qui dicitur Uallesella et Linticlare a loco qui dicitur Alleuada, 
ibi posuit cardinem unam iuxta viam, alium iuxta saxum et alium iuxta Adicem (ahd. Etisa). Hic est princi¬ 
pio plebis et finis est a loco qui dicitur Aquabassi et locus qui dicitur Ualleurna et alio loco qui dicitur 
Prado (de) Flore ...etc." 
Im damals offensichtlich schon dicht besiedelten, fruchtbaren Überetsch wird die 
Urpfarre mit mehreren Dörfern (villae wie Entiklar, Kurtatsch, Tramin, Montiggl 
etc.) durch eigens versetzte Grenzsteine abgegrenzt von den Nachbarpfarreien, so¬ 
weit nicht Gewässer und öffentliche Wege dafür sorgen: "A loco Canadicle 
(posuimus cardinem unum), Alagostello21, super viam" etc.; "ex omni parte eccle- 
sie cum finibus et terminibus - ex una parte rio currit .., ex alia parte via cur¬ 
rit...usque ad Uro collis" (< ORUM 'Saum'?) etc. Die Vernetzung von Grenzzie¬ 
hung, Gelände und Namengebung ist noch immer wenig durchforscht, verspricht 
aber viel an historischen und landeskundlichen Erkenntnissen. 
Die erste Beschreibung des Grenzverlaufs zwischen den Bistümern Brixen und 
Trient22 um 1100 spricht von "divisionem et determinationem inter Brixinen- 
20 F. Hüter, Tiroler Urkundenbuch, Bd. I, Innsbruck 1937, Nr. 13; dazu O. Stolz, Die Ausbreitung des 
Deutschtums in Südtirol im Lichte der Urkunden, Bd. 2, München 1928, S. 52 ff. 
21 Grenzsteine waren in Enticlar (Oberetsch) bei Alleuada, an der Straße, beim Stein und an der Etsch; man 
beachte die klare Trennung von Nominativ und Dativ/Akkusativ der Namen, letztere mit einer 
Präposition verbunden (,Alagostello, Anagniam, Aduallesella, Adlacum, Adfontanella (!), Admonticlo, 
AdpLmitia, Amurasca, ad Curtasca ..in Caldare', das spricht für noch durchsichtige Namen, für 
romanischen Sprachgebrauch. Vgl. Uoldelsalcus (Bischof von Trient 955-64), pheudum, deren 
Schreibung auf Trentiner Romanisch verweist 
22 Vgl. Tiroler Urkundenbuch, Bd. L, Nr. 120 (um 1100): das Dokument wurde immer wieder behandelt, 
zuletzt in NoshaJent vom Juni 1991. 
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