Full text: Zwischen Saar und Mosel

des Epicediums, des lateinischen Trauergedichtes, in dem der Graf als Abkömm¬ 
ling des Königs Adolph von Nassau genannt wird und seine Gemahlin Anna und 
beider Kinder als Stifterinnen und Stifter des Grabmals aufgeführt sind. 
Mit der nötigen Vorsicht wurde hier von dem Grabdenkmal als von einem 
„Hochgrab“ gesprochen. Ein Hochgrab kann eine „Tumba“ sein, als welche es auch 
in der „Genealogia“ von dem Bearbeiter bezeichnet wird. Ein Hochgrab kann aber 
auch ein sog. „Tischgrab“ sein, wenn die Deckplatte mit der Figur des Toten über 
freiem Raum auf Stützen steht9. Dafür gibt es in der europäischen Grabmalkunst 
viele Beispiele. Eine frühe Form zeigt das Grabmal des St. Severin in der 
gleichnamigen Kirche zu Bordeaux, 12. Jh. Da steht aus einem Block gehauen der 
Sarkophag mit der Relieffigur des Heiligen an der Seite auf nicht weniger als neun 
massiven Säulen10. 
Man denkt zurück an den Sarkophag der spanischen Königin Berenguela, 13. Jh„ 
im Konvent von Las Huelgas in Burgos, den zwei Löwenprotomen tragen11. Zwei 
Prunksarkophage, der des Königs Pedro I. (t 1367) und seiner zweiten Gemahlin 
Ines de Castro, stehen in der Zisterzienserkirche Santa Maria in Alcoba^a. Es sind 
zwar keine Tischgrabmäler, aber die Sarkophage ruhen auf dem Rücken von je 
sechs Löwen beim Mann und ebensovielen Unholden, Menschengesichtern mit 
Löwenkörpern, bei der Frau. Viele Wappen schmücken die Dickseiten der 
Deckplatten. Je sechs knieende Engel umgeben die stehend aufgefaßten aber 
liegenden Gisants12. Tragelöwen, Wappen und Engel um den Toten gibt es auch am 
Entwurf des Hochgrabes für Graf Albrecht. 
Anlaß zu der Vermutung, der interessante Grabdenkmalentwurf, den von Hirsch¬ 
bach vielleicht usurpierte, könnte ein solches Tischgrab gemeint haben, gibt die 
Federzeichnung selbst. Denn die Löwen ruhen nicht nur als Dokumente der 
Männlichkeit und Tapferkeit des Grafen oder als dessen Wächter dort, sondern sind 
gleichermaßen Trägerfiguren, indem sie auf ihren Köpfen Kapitelle und somit an 
dem oberen Aufbau des Grabmals tragen, also als Trägerfiguren bezeichnet werden 
können. Außerdem stützen die Balustersäulen unter den Seitenmitten die obere 
Partie. Die Löwen sind nicht als Reliefs an Tumbenwänden, sondern als Vollfigu¬ 
ren wiedergegeben. Und das erscheint bemerkenswert; der Zeichner hat auch neben 
den drei Löwen, die man an dem übereck dargestellten Grabmal sehen kann, den 
vierten Löwen rückwärts dargestellt und außerdem die beiden Stützen angedeutet, 
was alles man nicht wahrnehmen könnte, handelte es sich um einen festen, 
undurchsichtigen Tumbensockel oder -kästen. Schließlich hat der Zeichner die 
gesamte Partie, den gesamten Hohlraum unter dem Aufbau dunkel schraffiert, was 
doch wohl besagen soll, daß es die Schattenzone ist, die zwischen der Basis des 
Grabdenkmals und dem oberen Teil natürlicherweise liegt. 
9 E. PANOFSKY, Tomb Sculpture, New York (o.J.), S. 54. 
10 Panofsky (wie Anm. 9), fig. 207. R. Hamann-Mac Lean. Das Freigrab, in: Zs. d. dt. Vereins für 
Kunstwiss. 32, 1978, S. 116, Abb. 25. 
11 Panofsky (wie Anm. 9), S. 48, fig. 179. 
12 H. SCHRECKENBERG, Claus Sluter, Bochum 1987, S. 136 f„ Abb. 292, 293. 
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