Full text: Zwischen Saar und Mosel

Zeichnung des F. K. Dercum von 1811 überliefert, der Chorturm von Lautzkirchen 
des 12. Jahrhunderts wurde beim Kirchenneubau durch Peter Reheis 1785/86 in 
seiner Funktion völlig entwertet und der neuen Fassade als Treppenturm eingefügt. 
Die Kirche wurde 1958 einem Betonneubau geopfert24. Schließlich war auch der 
Vorgängerbau der katholischen Pfarrkirche („Basilika“) St. Johann in Saarbrücken 
eine Chorturmkirche, die freilich dem Neubau durch Friedrich Joachim Stengel von 
1754 weichen mußte. Der Chorturm von ca. 7,00:6,00 m ist auf einem Ölgemälde 
von Friedrich Dryander von etwa 1750 noch gut zu erkennen25. 
Besonders deutlich spiegelt die evangelische Kirche in Dörrenbach/Krs. St. Wendel 
(Abb. 4) das charakteristische Schicksal einer kleinen saarländischen Chorturmkir¬ 
che: An das offenbar spätromanische Schiff des 13. Jahrhunderts schloß sich im 
Osten der Chorturm an. Im 14. Jahrhundert entstand ein kleiner rechteckiger 
Saalbau als Ersatz des sicher noch kleineren Vorgängers. Dieser Bau wird im 
15. Jahrhundert verändert (erhöht?); jetzt auch stockt man den Chorturm um das 
heutige Obergeschoß auf und bringt das Rippengewölbe im Altarraum ein sowie 
ein kleines offenes Vierpaßfenster (Totenleuchte?) an der Turmostseite. Auch die 
Fenster sind in gotischer Zeit vergrößert worden. Die Biforienfenster (als Schall¬ 
arkaden) im Turmobergeschoß des 15. Jahrhunderts wirken ganz „romanisch“. Die 
Einzelformen am Bau sind stilistisch neutral: Der Turm wirkt wie aus einem Guß. 
Man mag die Stilhaltung des 15. Jahrhunderts gegenüber dem Urbau des 13. 
Jahrhunderts als konservativ, retrospektiv, stilverspätet, ja provinziell empfinden - 
sie ist jedenfalls für diese kleinen Chorturmkirchen unserer Gegend charakteristisch 
(vgl. Habkirchen, Niederbexbach). Diese Haltung angeblicher „StilVerspätung“ 
wird in Dörrenbach auch am Kanzelrest (Abb. 5) deutlich: Der Kanzelkorb ist ganz 
im Sinne des spätgotischen „horror vacui“ mit gotischem Maßwerk überzogen. 
Lediglich an den Sockel- und Kantenprofilen und dem oberen Brüstungsgesims 
erkennen wir, daß diese Kanzel eben nicht „gotisch“ ist, sondern um 1600 entstand 
(vgl. die Kanzel in Köllerbach). 
Der wohl noch aus dem 12. Jahrhundert stammende Chorturm der evangelischen 
Kirche von Bübingen (Abb. 6 u. 7) hat im Altarraum nur eine lichte Weite von 
3,25:3,25 m. Erst beim Kirchenneubau des 14. Jahrhunderts werden offenbar in den 
Altarraum das Tonnengewölbe und schlichte Maßwerkfenster eingebracht. Auch 
die spätgotische Sakramentsnische ist erhalten. Bei der Erhöhung des Chorturmes 
im 15. Jahrhundert um ein Geschoß entstehen die frei „romanisierenden“ Nachbil¬ 
dungen der älteren Biforienfenster im Geschoß darunter. Das Schiff, ein schlichter 
Saalbau von 1700, übernimmt das gotische Portal des 14. Jahrhunderts in seine 
Westseite. Auch in Bübingen kann man die romanisierende Einstimmung auf den 
alten Bestand nicht als „provinzielle Verspätung“, als ländliches Festhalten am 
überkommenen Formenapparat abtun. Denn das Ostfenster des Turmes und das 
Westportal der Kirche aus dem 14. Jahrhundert zeigen eindeutig „moderne“ 
gotische Formen, die man also sehr wohl kannte. 
24 B. H. BONKHOFF (wie Anm. 21), S. 170-171. 
25 Abgebildet bei A. Ruppersberg, Geschichte d.ehem. Grafschaft Saarbrücken, Bd. 3/1, Saarbrücken 
1913, S. 262 ff., Abb. S. 270. 
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